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Kurzgeschichten

Bloß nicht nass werden

Mein lesbisches Auge  12, konkursbuch Verlag 2013 „Ich hatte Heulkrämpfe. Ich war so was von fertig. Mit der Welt. Mit dir. Nur mein Herz, das schlug immer noch für dich.“
Rita streichelt Marions Knie. Zentimeter um Zentimeter schiebt sich ihre Hand höher. Durch den Stoff der Leinenhose prickeln die Fingerspitzen. (Wie geht es weiter?)
«Bloß nicht nass werden» finden Sie in der Anthologie <Mein lesbisches Auge 12>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2013

„Ich hatte Heulkrämpfe. Ich war so was von fertig. Mit der Welt. Mit dir. Nur mein Herz, das schlug immer noch für dich.“
Rita streichelt Marions Knie. Zentimeter um Zentimeter schiebt sich ihre Hand höher. Durch den Stoff der Leinenhose prickeln die Fingerspitzen. (Wie geht es weiter?)
«Bloß nicht nass werden» finden Sie in der Anthologie <Mein lesbisches Auge 12>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2013

Jeans. Erster Klasse

Cover, Mein heimliches Auge 2012, konkursbuch Verlag, Jens. Erster KlasseLust braucht heute vor allem Geduld. Sie möchte willkommen geheißen werden. Manchmal sogar regelrecht überredet. Dabei ist sie auch noch schwerhörig geworden. Warum soll ich meine Chance also nicht ergreifen, wenn sie gerade „ich will“ sagt? Also los. (Wie geht es weiter?)
«Jeans. Erster Klasse» finden Sie in der Anthologie <Mein heimliches Auge 27>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2012

Lust braucht heute vor allem Geduld. Sie möchte willkommen geheißen werden. Manchmal sogar regelrecht überredet. Dabei ist sie auch noch schwerhörig geworden. Warum soll ich meine Chance also nicht ergreifen, wenn sie gerade „ich will“ sagt? Also los. (Wie geht es weiter?)
«Jeans. Erster Klasse» finden Sie in der Anthologie <Mein heimliches Auge 27>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2012

Kino to go. Die ganze Geschichte

Das Telefon klingelte. Irritiert sah sie auf die Uhr. Neun. Morgens oder abends?

„Schön ist es auf der Welt zu sein,
sagt die Biene zu dem Stachelschwein.
Du und ich, wir stimmen ein:
Schöööööön ist es auf der Weeeeeelt zu sein.“

„Grausam“, sagte das Computerprogramm, änderte seine Meinung dann aber doch auf „mies“.
So wird das nichts, dachte sie und setzte den Schwierigkeitsgrad hinunter, von schwer auf ganz einfach. Schon sang sie wieder aus voller Kehle.

„Ich möcht’ mit den Wolken zieh’n in ferne Länder.
Ich säß mal gern auf einem Krokodil.“

Sie hatte die Schlager-Sonderedition der Karaoke-Software von ihrer Liebsten geschenkt bekommen. Wann war das noch gewesen? So wichtig war das nun auch wieder nicht. Aber gewusst hätte sie es doch gern, einfach, weil sie so vieles vergaß. Täglich mehr.
Tschaka! Phrasenbonus und zweihundert Extrapunkte für den goldenen Ton. Geht doch. Mit fünfzig Punkten wäre sie auch zufrieden gewesen.
In den letzten Monaten war sie bescheiden geworden. Hatte es werden müssen.

„Das Schönste im Leben ist die Freiheit,
denn dann sagen wir: Hurra!
Schön ist es auf der Welt zu sein.
Wenn die Sonne scheint für groß und klein.
Du kannst atmen, du kannst geh’n,
dich an allem freu’n und alles seh’n.
Schööööön ist es auf der ...“

Das Telefon klingelte. Irritiert sah sie auf die Uhr. Neun. Morgens oder abends? Vorsichtshalber schaute sie aus dem Fenster. Heute ist Mittwoch. Neun Uhr und es ist hell. Also Mittwochmorgen. Du hast frei. Erst morgen, am Donnerstag, musst du in die Ambulanz. Okay. Summend nahm sie den Hörer ab.
„Hallo, mein Mädelchen. Wie geht es dir?“
Sie hatte nicht das Herz, ihrer Mutter zu sagen, wie sehr ihr das Ritual auf die Nerven ging. Seit einem halben Jahr. Täglich dieser Anruf. Im Augenwinkel sah sie, wie der Computer sie von der Hitkünstlerin zur Nichtskönnerin degradierte. Sie seufzte. „Gut, Mama. Und dir?“
„Papperlapapp“, sagte die Stimme im Hörer. „Ich kenne dich doch, mein Mädelchen. Also. Wie geht es dir wirklich?“
Dass aus dem monatlichen „Hallo, du meldest dich nie“ ein tägliches bedeutungsschwangeres „Wie geht es dir?“ hatte werden müssen!
Und das alles, weil mich meine Mutter für krank hält. Gut, im Grunde bin ich es auch. Dabei merke ich selbst es ja kaum, obwohl, so kann man es auch nicht sagen, also vor der Operation, da habe ich nichts gemerkt. Jetzt ist es natürlich anders. Auch wenn die Wunde fast nicht mehr zieht. Das Zwei-Franken-stück-große Was-auch-immer, es ist weg. Rausgeschnitten. Eingefroren und vergessen. Endgültig. Und doch.
„Also? Wie geht es dir?“

Sie fuhr sich über den glatten Scheitel. „Wenn ich singe, dann vergesse ich.“
„Du singst doch nicht etwa wieder dieses, dieses Kinderliedchen, diese Roy-Black-Schnulze, diese Ohrenwischerei der Unterhaltungsindustrie!“ Ihre Mutter fauchte beinahe. „Die Welt ist keine Traumfabrik, mein Kind. Das Leben ist nun einmal kein Schlager. Gerade du, in deiner Situation, du solltest das wissen. Sieh dem Schicksal tapfer ins Auge. Nur so wirst du überleben.“
Sie rollte mit den Augen und holte tief Luft. „Ja, Mama“, rang sie sich ab, „du hast ja so Recht.“
Hoffentlich hat das ernsthaft genug geklungen, dachte sie. Heute habe ich wirklich keine Lust, mich um Mutters Ängste zu kümmern. Die sind mir gerade echt egal. Morgen. Morgen ist der Tag des Tropfs. Der Tag, an dem eine wässrige Lösung aus der Möchtegernchartstürmerin eine Frau macht, die auf allen Vieren ins Bett kriecht und den Odeur einer Chemiefabrik verströmen wird.
„Morgen begleite ich dich zur Chemotherapie“, sagte ihre Mutter. „Diesmal wirst du mich nicht daran hindern. Ich will für dich da sein, hörst du? Ich bin deine Mutter.“
Wie kann ich diesen Wunsch nur so schonend wie möglich ablehnen? Zum vierten Mal. Ich weiß, es ist dir wichtig. Ich schätze es auch. Ich kann einfach nicht.
„Das weiß ich doch. Und es ist wirklich lieb von dir, Mutter, aber es ist nicht nötig. Wirklich nicht.“
Versuchte sie etwa, ihre Mutter ein wenig, nur ein ganz kleines kleinwenig zu manipulieren? Manipulieren war wirklich ein böses, böses Wort. So war das doch auch gar nicht gemeint. Und doch hielt sie sich für ein falsches Miststück.
„Ach, das mache ich doch gerne, meine liebe Tochter. Du wirst sehen, mein Mädelchen, die Zeit vergeht uns im Nu.“
Wie viele Stunden werde ich am Tropf hängen? Punkt Acht geht es los. Um sechzehn Uhr bin ich fertig. Das sind vier Stunden. Plus noch mal vier. Acht Stunden insgesamt. Ich kann sie nicht so lange unterhalten. Acht Stunden. Nein. Lieber Gott, liebe Göttin, alle guten Geister, ganz gleich wer auch immer. Bitte. Erhöre mich. Ist da jemand, der mir helfen kann? Irgendwer?

„Ich werde uns ein Picknick mitnehmen. Ein Teechen. Ein bisschen Haferbrei für dich und für mich Nudelsalat. Dann packe ich noch die Karten ein und ehe du dich versiehst, sind wir wieder draußen. Und danach gehen wir ins Kino.“
Was dachte sich ihre Mutter bloß? Was glaubte die denn, was in den so harmlos aussehenden Flaschen war? Kochsalzlösung etwa?
„Wir feiern deine Krankheit. So wie früher, wenn du mal Husten hattest.“ Während die Mutter über den alles heilenden Tee und Dr. Teddy, den Spezialarzt aus Plüsch, erzählte, überlegte ihre Tochter, was noch zu tun war. Sie wollte Spaß haben, so viel wie möglich, heute noch. Erst am Abend die Medikamente nehmen, die Pillen gegen Übelkeit und das Erbrechen nach der Chemotherapie. Und sich vornehmen, rechtzeitig aufzuwachen, noch während der Infusion. Nach der Ambulanz hatte sie genau zwei Stunden. Die Zeit reichte gerade aus, zu Fuß quer durch die Altstadt am See entlang nach Hause zu gehen, mit Coffee to go und einem Salami-Vollkornsandwich ohne Tomaten in den Händen. Zwei Stunden. Höchstens. Sie kannte das doch. Mit jedem Schritt ginge sie weiter hinaus aus Zeit und Raum. Schon wären sie da, diese unwirklichen Momente, in denen der Alltag sein eigener Film wurde. Den Verkehr sah sie wie eine Brillenträgerin ohne Korrekturgläser und in ihren Ohren brummte der Straßenlärm, als trüge sie Ohrstopfen.
„Also, dann ist ja alles klar“, hörte sie aus dem Telefon. „Suchst du den Film aus oder soll ich?“
„Mama, die Medikamente sind der Hammer. Kino ist gestrichen.“
Ihre Mutter seufzte. „Kannst du nicht verstehen, wie sehr ich mich sorge? Ich kann nicht mehr schlafen, nehme Pfund um Pfund ab. Und du, du lässt mich außen vor. Bin ich denn eine so schlechte Mutter für dich?“
Sie schloss die Augen. Muss ich mir diese Vorwürfe antun? Muss ich mich in meinen letzten Stunden vor der Chemotherapie ärgern, muss ich das wirklich? „Mutter, wenn du mir in ein paar Tagen das Bett frisch beziehen könntest, ein neues Nachthemd hinlegst und Tee auf Vorrat kochst, da wäre ich dir sehr dankbar für.“
„Gut. Morgen Abend koche ich für dich, abgemacht. Was willst du essen?“
„Es reicht, Mutter. Langsam müsstest du es doch wissen, die nächsten Tage vertrage ich nur frisches Biomangosorbet und lauwarmes Wasser ohne Kohlensäure. Mit deinen siebzig Lenzen kannst du doch nicht so aus der Welt sein, dass du das vergessen hast.“
„Kind, ich kann ja verstehen, dass du dich nicht gut fühlst. Ich wäre die Letzte, die da kein Verständnis hätte. Und ich will dir doch nur helfen. Also, das Mindeste, was du tun könntest, wirklich, auch wenn du krank bist, musst du nicht so gereizt sein. Weißt du was, ich lege den Hörer jetzt auf. Wir sehen uns ja morgen. Und beruhige dich ein bisschen. Es kommt alles gut, du wirst schon sehen.“

Erleichtert legte sie das Telefon zur Seite. Sie sah auf die Uhr. Es waren noch genügend Stunden übrig, um aus diesem Tag eine wunderschöne Zeit zu machen. Aber womit? Weitersingen? Sie schüttelte sich. Lachyoga? Ein Film? Versunken sortierte sie die DVDs. Komödie? Satire? Wieder klingelte das Telefon.
Diesmal nicht, beschloss sie. Ich habe doch einen Anrufbeantworter. Dieser Tag ist meiner. Heute habe ich keine Zeit, am Leben anderer teilzuhaben. Oder andere an meinem teilnehmen zu lassen. Nächste Woche. Dann wieder gern.
Erneut klingelte es. Sollte das den ganzen Tag so gehen? Sie konnte verstehen, dass ihre Freundinnen ihr für morgen alles Glück der Welt wünschen wollten. So gehörte es sich auch. Aber den Termin der nächsten Chemo würde sie für sich behalten.
Sie zog die Joggingschuhe an. Wenn es ernst wurde, wollte sie weglaufen können. Bei dem Wetter würde ein wenig Intervalltraining nicht schaden. Sie griff nach der Sonnencreme. Ihre Haut war empfindlich geworden. Im Spiegel glänzte ihr kahler Kopf. Augenbrauen und Wimpern sollten auch wieder-kommen, hatte es geheißen. Was bin ich, fragte sie sich. Bin ich wirklich am Leben?
Es läutete an der Tür. Das darf doch nicht wahr sein, dachte sie beim Öffnen.
„Ach Kind, wenn du hungrig bist, bist du immer so schlecht gelaunt. Da habe ich mir gedacht, ich springe mal schnell vorbei. Schau, die Gemüsesuppe müssen wir nur noch warm machen.“
Sie strich diesen Tag aus ihren Gedanken. Ihre Mutter würde sie heute nicht mehr loslassen, würde sie auf Biegen und Brechen unterhalten wollen.
„Mutter, hast du Lust auf Karaoke? Leicht oder schwer? Duell oder Duett? Roy oder Anita?“
„Sag du es. Ich bin ja für dich da.“ Ihre Mutter lächelte milde. „Aber wenn du schon fragst, was meinst du, sollen wir nicht doch ins Kino?“

Sandra Wöhe
, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, Sommer 2012
 

Bitte lecken Sie jetzt

Cover: Mein lesbisches Auge 10Stilettos rechts und links. Neben den Ohren. Die Absätze punktgenau durch die Kreolen. Eine falsche Bewegung und ich hätte zwei Ohren gehabt. Wo in Dreihexennamen war meine Einkaufsliste? Salbe gegen Rückenschmerzen, die musste noch dazu. (Wie geht es weiter?)
«Bitte lecken Sie jetzt» finden Sie in der Anthologie <Mein lesbisches Auge 10>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2011

Stilettos rechts und links. Neben den Ohren. Die Absätze punktgenau durch die Kreolen. Eine falsche Bewegung und ich hätte zwei Ohren gehabt. Wo in Dreihexennamen war meine Einkaufsliste? Salbe gegen Rückenschmerzen, die musste noch dazu. (Wie geht es weiter?)

«Bitte lecken Sie jetzt» finden Sie in der Anthologie <Mein lesbisches Auge 10>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010

Am Tag des halben Jahrhunderts

Cover: Das heimliche Auge 25Das Bukett der Rosen mischt sich mit dem Champagneraroma. Während ich den Schuh an meine Lippen führe, ahne ich unter den Kopfnoten ihren Duft. Der Hauch ihres Parfums umweht mich wie eine Verheißung. Auf meiner Zunge prickelt es. (Wie geht es weiter?)
«Am Tag des halben Jahrhunderts» finden Sie in der Anthologie <Mein heimliches Auge 25>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010 

Das Bukett der Rosen mischt sich mit dem Champagneraroma. Während ich den Schuh an meine Lippen führe, ahne ich unter den Kopfnoten ihren Duft. Der Hauch ihres Parfums umweht mich wie eine Verheißung. Auf meiner Zunge prickelt es. (Wie geht es weiter?)

«Am Tag des halben Jahrhunderts» finden Sie in der Anthologie <Mein heimliches Auge 25>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010

 

Lilianes neue Liebe

Berlin Bohème, Berlin 2004

Lilianes neue Liebe

Drehbuchidee und -konzept zu "Lilianes neue Liebe",
Berlin Bohème, Drama-Serie von Andreas Weiß, 2004
 

Morgens auf der Plaza del Toro

 Cover: Mein lesbisches Auge 9Das Aroma von frisch gebrühtem Kaffee lässt meine Morgenfee die Flügel recken. Fliegen ist ja nicht mein Ding. Eher laufen. Lässig um den See joggen. Aber erst am Nachmittag. Frühestens. 
„Schahaatz?“ Ich knurre undeutlich. „Bist du tot?“
Nein. Es kann kein guter Morgen werden, der mit dem Aufstehen anfängt. Das müsste sie allmählich wissen. Diese gute Laune, mit der sie den Wecker anzustrahlen pflegt. Ich glaube, meine Mona ist ein bisschen pervers. (Wie geht es weiter?)
«Morgens auf der Plaza del Toro» finden Sie in der Anthologie <Mein lesbisches Auge 9>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010
 

Das Aroma von frisch gebrühtem Kaffee lässt meine Morgenfee die Flügel recken. Fliegen ist ja nicht mein Ding. Eher laufen. Lässig um den See joggen. Aber erst am Nachmittag. Frühestens. 
„Schahaatz?“ Ich knurre undeutlich. „Bist du tot?“
Nein. Es kann kein guter Morgen werden, der mit dem Aufstehen anfängt. Das müsste sie allmählich wissen. Diese gute Laune, mit der sie den Wecker anzustrahlen pflegt. Ich glaube, meine Mona ist ein bisschen pervers. (Wie geht es weiter?)
«Morgens auf der Plaza del Toro» finden Sie in der Anthologie <Mein lesbisches Auge 9>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2010

Der verlorene Mutterkuchen

Cover: Familienbande Konkursbuch 48„Also, was tust du da?“, fragte Gritta. „Das ist doch sicher wieder so ein indonesischer Aberglaube, oder, Mam?“
Phyllis holte tief Luft und drehte den Hahn zu. Sie konzentrierte sich auf die Zeremonie. Behutsam schlug sie die Plazenta in ein Leinentuch und nähte es zu. Der Stoff sog sich mit Wasser und Blut voll. Sie flüsterte: „Ohne Mutterkuchen überlebt kein Kind.“ (Wie geht es weiter?)

«Der verlorene Mutterkuchen» finden Sie in der Anthologie <Konkursbuch 48 -  Familien-Bande> konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2009

„Also, was tust du da?“, fragte Gritta. „Das ist doch sicher wieder so ein indonesischer Aberglaube, oder, Mam?“
Phyllis holte tief Luft und drehte den Hahn zu. Sie konzentrierte sich auf die Zeremonie. Behutsam schlug sie die Plazenta in ein Leinentuch und nähte es zu. Der Stoff sog sich mit Wasser und Blut voll. Sie flüsterte: „Ohne Mutterkuchen überlebt kein Kind.“ (Wie geht es weiter?)

«Der verlorene Mutterkuchen» finden Sie in der Anthologie <Konkursbuch 48 -  Familien-Bande> konkursbuch Verlag Claudia Gehrke 2009

Unter uns

Cover: Mein heimliches Auge XXIIIKein Wunder, dass man auf mich aufmerksam wurde. Die Jungs von der HotShot. Die haben angerufen. Ihr wisst schon, die DVDs, die Serie mit den echten Amateuren.
HotShot suchte nach einem echten Kerl. Nach mir. Die Knete klang gut. So viel Mösen, wie ich nur wollte. Alle Positionen, alle Stellungen, alle Variationen. Kein Problem.
Und dann kam diese Wuchtbrumme rein. Was für ein Weib! Walli von und zu Walli. Wow! (Wie geht es weiter?)
«Unter uns» finden Sie in den Anthologien <Mein heimliches Auge XXIII>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke und <Wehre dich nicht >, Quartus-Verlag 2008

Kein Wunder, dass man auf mich aufmerksam wurde. Die Jungs von der HotShot. Die haben angerufen. Ihr wisst schon, die DVDs, die Serie mit den echten Amateuren.
HotShot suchte nach einem echten Kerl. Nach mir. Die Knete klang gut. So viel Mösen, wie ich nur wollte. Alle Positionen, alle Stellungen, alle Variationen. Kein Problem.
Und dann kam diese Wuchtbrumme rein. Was für ein Weib! Walli von und zu Walli. Wow! (Wie geht es weiter?)
«Unter uns» finden Sie in den Anthologien <Mein heimliches Auge XXIII>, konkursbuch Verlag Claudia Gehrke und <Wehre dich nicht >, Quartus-Verlag 2008

Was sonst gewöhnlich zwischen den Zeilen verschwindet. Die ganze Geschichte

Lesbenring-Info 2008

Eine Schreibübung von Jule Blum, Maria Elefteria, Sandra Wöhe und Elke Heinicke

(JB) BlumOrt der Handlung ist eine Terrasse, die im Grün der Topfpflanzen versinkt und nur den Blick frei gibt auf ein romantisches Tälchen mit rauschendem Bach. Handelnde Personen sind vier Lesben, die gewöhnlich eher allein vor Laptop, Computer, Schreiblock – je nach persönlichen Vorlieben und Temperament eben – sitzen und zu Papier oder Festplatte bringen, was die Lesbengemeinde dann irgendwann zu lesen bekommt. Kurz: Vier Autorinnen hocken hier beisammen.
Und während die Sonne uns so langsam eine leichte Rötung auf die Schultern brennt, weil wir vergessen haben, den Sonnenschirm weiter zu schieben, erzählen wir uns Geschichten:

Leicht und barfüßig huschte die schmale Gestalt im kurzen Nachthemdchen die Stufen zum verwilderten Garten hinab.
Erwarte dein Schicksal am Beet mit den Walderdbeeren, Jungfrau-Geborenen werden sich ihre Geheimnisse enthüllen. Klar und unmissverständlich war die Botschaft der Karten gewesen, die sie sich an ihrem gestrigen Geburtstag das erste Mal ganz allein gelegt hatte.
Diese Nacht war ungewöhnlich heiß für Anfang September. Auf ihren Brüsten schimmerten feine Schweißperlen und ein leiser, aber würziger Duft stieg aus ihrem Schoß auf. Im sanften Schein des Mondes funkelten Tautropfen an den Walderdbeeren wie winzige Juwelen, die milde Luft roch nach fruchtbarer Erde und darüber lag der süße nächtliche Hauch des Geißblatts.
Mit traumverlorenem Lächeln ließ sie sich auf eine geduldige Wartezeit ein, doch schon nach kurzer Zeit spürte sie eine leichte Berührung an der rechten Schulter. Sie schauerte vor Vergnügen, als ihr Hals sanft liebkost und warmer Atem in ihr Ohr gepustet wurde. Unglaublich samtige Lippen wanderten weiter zu ihrem Ausschnitt, naschten von dem salzigen Schweiß und eine energische Nase schob den Spitzenrand des Nachthemds unaufhaltsam tiefer.
"Oh warte, komm herum und lass dich ansehen", bat sie, die Stimme zitternd vor Sehnsucht. Mit einem schnaubenden Seufzer kam ein prachtvolles Geschöpf in ihr Blickfeld, etwas kleiner als ein Pferd mit herrlichen Muskeln, wundervoll leuchteten strahlend weißes Fell und Mähne. Ohne zu zögern senkte sich der mächtige Kopf in ihren Schoß, begannen die weichen Lippen ihr kundiges Vergnügen zu bereiten. Doch auch wenn es sie fast umbrachte - hey, hier lief doch wirklich etwas aus dem Ruder! -, gab sie der glatten Stirn einen energischen Stoß und keuchte: "Wer bist du?"
Lust verhangene Augen blickten sie an, eine große Zunge leckte sich ihren Tau von den Lippen.
"Na, wer schon? Ich bin eine Ohnehorn! Vermutlich hast auch du bisher nur von Einhörnern gehört. Dabei sind diese unpraktischen Viecher schon vor Jahrhunderten ausgestorben - sind immer überall mit ihren blöden Hörnern hängen geblieben. Wir haben die Dinger glücklicherweise nicht, aber der Appetit auf Jungfrauen ist der gleiche", das große Maul verzog sich zu einem lüsternen Grinsen.
"Aber... ich bin schon lange... Nur mein Sternzeichen..."
Bei den letzten Worten war das Hufgetrappel längst verklungen und die Kühle des nahenden Morgens strich über einen heißen verlassenen Schoß.
Keine Jungfrau mehr. Schade.

(ME) Bald war es soweit: verführerischer Duft kündete von nahen Wohlgenüssen. Das Dessert präsentierte sich bereits auf dem Beistelltisch.
Früh am Morgen hatte ich mit Elke im Garten Walderdbeeren gepflückt, nachdem wir zuvor gefräßige Jägerinnen zu Gejagten machten. Gehäuseschnecken wurden von uns zur fernen Wiese hinter dem Bach getragen, die Nacktschnecken erhielten eine letzte, allerdings eher geringe, Überlebenschance im fließenden Wasser desselben.
Nun streiften begehrliche Blicke das frische Obst, während der Nudelauflauf noch in der Röhre brutzelte. Wir waren hungrig.
»Hör mal Sandra, die Latexhandschuhe aus deiner Geschichte hätten mir heute morgen gute Dienste geleistet«, lenkte ich ab. »Ich musste meine Finger minutenlang scheuern, bis ich endlich die letzten glitschigen Überreste des Schneckenschleims entfernt hatte.«
»Ein Wunder, dass noch kein biologisches Gleitmittel aus den reichhaltigen Ausscheidungen dieser Tierart produziert wird«, warf Elke ein.
Angeregt von der Vorstellung, dass Schneckenjagd mit langen, schwarzen Latexhandschuhen mal etwas ganz anderes wäre, ging es weiter mit Diskussionen über das Schreiben erotischer Geschichten und den damit verbundenen Schwierigkeiten.
Ich trank griechischen Kaffee. Stark und süß weckte er meine Sinne, und meine Sehnsucht. Mit offenen Augen träumte ich mich zu meiner Liebsten.

Getragen von der Einhorna Magira kam sie mir über das tiefblaue Meer entgegen. Wir trafen uns auf einer kleinen Insel.
»Ich habe eine Überraschung für dich«, Diana schenkte mir dieses tiefgründige Lächeln, das mir wie am ersten Tag die Knie weich werden ließ. »Allerdings brauche ich zuerst einige Walderdbeeren.«
Da die ungewöhnlichen Ideen meiner Traumfrau mir stets viel Freude bereiten, räuberte ich die Schale auf dem Beistelltisch und kehrte in Windeseile an den Ort der Verheißung zurück. Dort schüttelte Magira anmutig den Kopf, ließ ihr wohlgeformtes Horn in die Hände meiner Geliebten fallen und versenkte ihr Maul schmatzend in den mitgebrachten Früchten.

»Was denkst du darüber, Maria?« riss mich die Stimme von Sandra, die elegant ihre dicke Zigarre paffte, zurück in die Autorinnenrunde.
Ich räusperte mich und antwortete: »Nun ja, Sex beginnt im Kopf. Eine Geschichte braucht die richtigen Schlüsselwörter, um die Phantasie anzuregen. Alles andere ist schmückendes Beiwerk.«
»Also bei mir funktioniert Erotik mit leerem Magen weder in der Phantasie, noch in der Realität«, äußerte sich Jule. »Und bevor der Nachtisch zum Hauptgericht wird, gehe ich jetzt den Auflauf holen.« Ihr verschmitzter Blick wanderte von dem halbleeren Gefäß mit den Beeren zu mir und wärmte mein Herz. Dann stand sie auf und kam mit der dampfenden Schüssel zurück. Ich schmunzelte, schaufelte mir eine gehörige Portion auf meinen Teller und meinte: »Einen guten Appetit wünsche ich!«

 
(SW) Nach dem Essen sollst du rauchen. Oder wie war das? Galt das auch für Autorinnen? Gut, also eine Zigarre. Eine, die ich sonst nicht in der Öffentlichkeit rauchte. Dicker als mein großer Zeh. Und natürlich viel länger. Ich kannte die erotische Wirkung. Meine Kolleginnen der schreibenden Zunft auch. Sie schmunzelten.
Ich zog den Rauch ein und entließ ihn als perfekt geformte Ringe. Dabei verzog ich die Lippen nicht ganz so schamlos, wie ich es normalerweise zu tun pflegte. Eine Zigarre ist bisweilen tatsächlich nur eine Zigarre, Herr Doktor Freud, dachte ich. Aber nicht nach der gestrigen Lesung.
Die war ein Versuchsballon gewesen und ganz gut für unser erstes Mal als erotisches „Tetrapack“. Trotzdem war nicht alles so gelaufen, wie wir es eigentlich konnten: zu groß das Lampenfieber. Wir waren mehr die Gejagten als die Jägerinnen gewesen.
Heute Abend würde es anders ausgehen. Ich spürte das. Es würde heißer sein. Schärfer. Auch wenn wir nicht viele Frauen erwarteten. Zwei Lesungen in einer Stadt wie Heidelberg. Vergesst es, hatten uns sämtliche Expertinnen geraten. Aber wir wollten es trotzdem tun. Der Abend würde unser Abend sein. Diejenige wurde Siegerin, die den anderen die Röte ins Gesicht zu treiben vermochte. Wir alle wollten gewinnen. Und nicht nur das.
Wer war die Erste, der in den Sinn gekommen war, was wir nicht auszusprechen wagten? Einerlei, wir dachten alle vier das Gleiche und wollten dasselbe. Doch keine wagte es, das Vorgeplänkel zum Vorspiel zu erweitern. Auch ich wartete ab und tunkte die Zigarre in den griechischen Kaffee. Würde es auffallen, wenn ich meine Sitznachbarin mit dem kleinen Finger streifte? Ganz zufällig nur. Unschuldig, sozusagen.
O ja, wir kannten die Verführungskiste in- und auswendig. Sogar wenn die Geste kaum wahrnehmbar war. Dann besonders. Schließlich haben sich erotisch schreibende Autorinnen auf Verführung spezialisiert. Nach jeder Geschichte sind sie weiser, das wusste ich aus Erfahrung. Ob es auffiele, wenn ich meinen Blick an der Taille meiner Nachbarin entlang spazieren ließ?
Sie drehte sich zu mir und schaute mich lange an. Das Funkeln in ihren Augen sagte alles. Dann verschwand sie in die Küche zu den Walderdbeeren. Oder plante sie ein noch süßeres Dessert? Ich folgte ihr, die Zigarre in der Hand. Hinter mir hörte ich einen Stuhl fallen. 

 
(EH) Vier Autorinnen. Inspiriert bis zur Halskrause.
Fantastin.
Kriminalistin.
Naturalistin. Und ich.
Mit gezückten Notizbüchern, dem Accessoire, an dem sich Autorinnen untereinander erkennen, wie Regenbogenfähnchen am Auto.
Nur Naturalistin hackt alles in Laptop. Sonnenenergie oder gar Biodiesel?
Sie tippt: Heute Morgen lagen die Schnecken eingerollt wie akkurate kleine Kackehäufchen im Walderdbeerbeet.
Fantastin fabuliert: Das letzte Einhorn stand inmitten einer Erdbeerwiese und von ihrem gewundenen Horn ging ein mattes Leuchten aus.
Kriminalistin notiert zum Tathergang: Vergiftung mit präparierten Walderdbeeren
oder Stich mitten ins Herz mit Imitation eines Einhornhorns, das Dame des Hauses gewöhnlich zum Öffnen von Briefen dient.
Nur die Seite meines Notizbuches bleibt schneeweiß.
Ich soll, ich muss über Sex schreiben. Letzte Woche hat meine Verlegerin unbarmherzig mein Manuskript zurückgeschickt. Ohne Sex kein Vertrag. Wer will schon Romane ohne Sex? Sex muss rein, Minimum fünf Akte.
Bin ratlos. Ist nicht schon wesentlich mehr als nötig über Sex geschrieben wurden? Endlose Wiederholungen, platte Bilder.
Inspiration, küss mich!
Könnten nicht die Kolleginnen am Tisch auch für mich Muse sein?

Fantastin ruft Einhorn aus Erdbeerwiese, worauf sich meine Nippel, fest wie unreife Walderdbeeren, Kirschmund der Naturalistin entgegenrecken. Kriminalistin bemerkt, dass jede sechste Beere Spuren von Schneckenfraß zeigt.
Fantastin pflückt Handvoll süßer Erdbeeren, um sie mir, der die Kriminalistin mit flinken Bewegungen Augen absolut blickdicht mit Seidenstrumpf verbunden hat, in gierigen Mund zu stecken. Naturalistin warnt vor zwischen den Erdbeeren lauernden Nacktschnecken. Mich packt nacktes Entsetzen, kann schleimiges Glitschen schon auf Zunge spüren und hauche Safewort: Nudelauflauf.
Naturalistin streicht Erdbeerpüree durch Sieb. Kriminalistin trägt schwarze Latexhandschuhe und streicht roten Brei zur Spurensicherung über meinen Bauch, damit Fantastin mit Adlerfeder Sexwegelabyrinth hinein zeichnen kann. Blutrotes Rinnsal bewegt sich auf meine Möse zu, wo es von geschickter kriminalistischer Zunge empfangen wird. Zigarre wurde zuvor reaktionsschnell beiseite gelegt.
Stöhnen in Mund der Naturalistin, worauf Fantastin Paarhuferhorn packt und –

Nein, nein…  Sie haben doch nicht etwa das Horn schon an Ort und Stelle spüren können?
So, den Rest des Erdbeerpürees noch ein letztes Mal umgerührt, bevor es als sündige Soße über Vanilleeis und Schokostreuseln landet. Zeit für einen Nachtisch!

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