Mette führt Buch, Irma gibt Bücher weiter. Meine neuste Kolumne finden Sie in der Rubrik «lesen» – und mehr.
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Küssen erlaubt
„Brigitte hat Inge – nee, Inge hat Brigitte. Na, ist ja auch egal, wer jetzt wen, jedenfalls hat die eine die andere betrogen“, trage ich Irma den neuesten Klatsch zu.
„Was, Betrug?“, fragt meine Busenfreundin. „Die beiden? Gute Jobs, reichlich Geld. Haben die das nötig?“ Manchmal ist Irma etwas begriffsstutzig. Wer redet denn von Betrug? Ich spreche über Sex. Über Wollust. Geilheit. Leidenschaft. Eben Sex. Exklusiv für die eine. Gedacht, bis die Untreue uns scheidet.
„Ich glaube, es war Brigitte. Die hatte die Nase zwischen den Brüsten einer fremden Frau. Und Inge hat das Doppelbett zerhackt.“
Irma schüttelt den Kopf. „Wenn, dann lag es nicht an der Nase. Dann wurde gelogen, hintergangen und ganz miserabel kommuniziert.“
Wie, die Nase ist wurscht? Der Fremdsex egal, solange die beiden nur ordentlich reden miteinander? „Ach. Du erlaubst also deiner ein, ein Abenteuer. Eine Affäre. Seitensprünge. Untreue!“
Nonchalant lehnt Irma an der Tafel mit dem Fahrplan fürs Tram. „Wenn sie mich dabei nicht hintergeht.“
Mir fällt das Kinn hinunter. „Aber, Irma, also wirklich. Irma!“
„Betrügen heißt bescheißen. Das würde ich nie. Oder, wenn du kein Jiddisch kannst, dann kommt es eben von Trügen. Täuschen. Irreführen. Das wäre der Scheidungsgrund.“ Sie zuckt mit den Achseln. „Aber Sex? Der wird überbewertet.“
Mein Gesicht ist immer noch ein einziges Fragezeichen.
Irma seufzt tief. „Schätzchen“, sagt sie, als würde sie einem kleinen Hund den Kopf tätscheln. „Deine Frau gehört dir nicht. Eine Wohnung, ein Bett. Aber es bleibt bei zwei Zahnbürsten. Und zwei Leben.“
„Wie wichtig Treue ist, liest und hörst du überall“, sage ich. „Auf die Barrikaden für die Monogamie! Gegen Schlampen! Wer auswärts füllt den Schnabel, den stech’ daheim die Gabel.“
Irma lacht. „Schlampen, liebe Mette? Meinst du das polyamouröse Konzept?“
Was Irma für Wörter kennt! Nur die Wörter? Wir hatten damals sicher keine offene Beziehung. Jedenfalls nicht dass ich wüsste.
„Sag mal, hast du eigentlich … Nein, ich will es gar nicht wissen. Aber hast du, nein, würdest du ... es mir sagen? Hast du?“
Irma umarmt mich. „Wenn, dann hätte ich es dir schon damals gesagt, als ich deine aktuelle Lebensliebste auf Zeit war.“ Sie küsst mich. „Eine Schlampen-WG, eine Mehrfachbeziehung, ein polyamouröses Netz, das wäre mit dir gar nicht möglich zu leben. Du ordnest dein Geflecht von Freundinnen hierarchisch. Dabei könntest du sie auch gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen.“
Höre ich da etwa ein gesellschaftliches Anliegen? Gegen die Zweierkiste, für die Schlamperei? Das kann nur im Schlamassel enden. „Irma, bei aller Liebe. Unsere Knutschzeit ist vorbei.“
Sie steigt in das Tram. „Küssen mit dir, das war mein Hobby, mein absoluter Lieblingssport. Ich vermisse es“, sagt sie lächelnd. „Sag, Mette, warum sollten wir nicht? Alles kann doch möglich sein, so lange nichts muss.“
Die Tramtür schließt sich. Irma küssen? Müsste sie nicht erst ihre Freundin fragen? Was steht im Lesbenknigge? Ein Ruck und die Straßenbahn fährt an. Ich lecke mir die Lippen.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne November 2012
Star zum Mittagessen
„Na, endlich, da bist du ja!“ Seit einer Viertelstunde schon warte ich in der Edel-Boutique auf Irma und bewache den Stapel Größe 38. Nun ja, 40. 42 würde ich nie probieren. Niemals. Heiße ich Marilyn? Oder etwa Norma Jean?
„Wo brennt’s denn?“ Irma kaut genüsslich. Wenigstens mittags sollte sie gesünder essen, sonst werden die Falten sie bald packen, und das nicht nur am Genick.
„Ich werde ein Star, Irma, such mir was aus!“
Meine allerbeste Freundin in sämtlichen Lebenslagen verschluckt sich beinahe an ihrem Sandwich. „Wie bitte?“ Sie räuspert sich. „Du schreist mich zum Styling? In meiner Mittagspause? Welcher Schuh hat dich denn getroffen?“ Sie dreht sich auf dem Absatz um und verlässt den Laden.
Die Kleider fliegen auf den nächsten Ständer. Ich laufe ihr nach. „Ir-ma. Waar-te. Iiirmaa! Ich brauche dich.“ Endlich habe ich sie eingeholt. „Ich brauche deinen Rat! Weil, weißt du …“ Mir wird heiß. „Ich komme auf den roten Teppich! Und du sollst mein erster Fan sein. Bist du doch immer. Red carpet! Ich! Hörst du? Red! Carpet!“ Dass sie, meine Lieblings-Irma, die Erste Vorsitzende meines Fanclubs wird, das muss ihr doch imponieren!
Sie zeigt mir den Vogel. „Als gesponserter Hintergrund?“ Sie lacht. „Klar bist du ein Star. Topmodel. Wo ist das Foto? Zeig mal her.“
Irma kann so böse sein! So gemein war ich nie zu ihr. In all den Jahren nicht. „Wer spricht denn hier von Heidi, Jette, Karl? Oder Prèt-à-party. Wie auch immer das heißt. Ich werde Star des Supermarkts. Die Athletin der Apotheke. Das Gesicht der Genossenschaft.“
Endlich kann ich meiner Irma erzählen, wie mir der Fotograf seine Karte in die Hand gedrückt hat. Das neue Gesicht für Kataloge, Drogeriemagazine und Lebensmittelzeitungen! Ein Durchschnittsgesicht, aber speziell, mit Ausstrahlung. Ich eben. Morgen ist das Casting, elf Uhr in Studio 15.
„Supermarkt-VIP?“ Irma zuckt mit der Schulter. „Musst du dafür wie Michaela Nackedei durch den Dschungel flitzen? DJane für den Discounter?“
Dschungel? Irma sieht vor lauter Lianen die Reality nicht. Die Chancen. My chance, my very, very own. Ein Klick, ein Foto, a star is born.
Ich packe sie und walze mit ihr die Plakatwand entlang. „Red carpet, here I am! Die Medien werden sich um mich reißen. Die Homestory ist praktisch schon gedruckt.“
Geld werde ich verdienen, richtig mächtig Kohle. Money, money, money. Ich werde nie mehr arbeiten müssen. Ein Tablet oder Smartphone? Wieso oder? Kreditkarte. Schwarze credit card. Black is a girl’s best friend.
„Lässt du die Presse in deine Höhle, verlierst du mindestens zwanzig Prozent deiner Persönlichkeitsrechte. Wenn nicht noch mehr. Für immer! Frag Brigitte Nielsen.“
Warum macht Irma das? Warum verdirbt sie mir den Spaß? Ein bisschen Träume liften darf doch jede. Warum nicht ich? Ist sie etwa neidisch?
„Irma, liebe, liebe Irma, hilf mir doch. Was soll ich zum Shooting anziehen? Mein Must-have, morgen schon brauch ich das!“
Irma hebt die Augenbraue. „Du wirst ein Star? Such dir was aus!“ Sie beißt in ihr Sandwich und ist gleich darauf verschwunden.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne September 2012
Glückshandel
Meine Busenfreundin kippt ihren Korb auf dem Küchentisch aus. Ich grabsche nach den Zeitschriften. „Hast du wirklich alle gekriegt, Irma?“
Sie nickt. „Allerliebste Mette, Auftrag hoffentlich zu deiner Zufriedenheit ausgeführt. Was willst du nur mit all dem Papier?“ Ich zwinkere ihr zu. „Das Glück, ich muss es anschubsen. Sonst kriege ich das Geld für die Weiterbildung nie zusammen.“
Irma zieht die Augenbraue hoch. „Sparen vielleicht?“, fragt sie und blättert in den Heften, die sie aus dem Altpapier gerettet hat. „Willst du zwei mal zwei Nächte für zwei Personen im Wellnesshotel gewinnen? Im Wert von zweitausend Franken.“ Sie nimmt den Bleistift.
„Alles, was zu Geld gemacht werden kann, macht mich glücklich.“ Ich schlage den Apothekenratgeber auf. Botanik, Bewegung, Beauty? Ich weiß Bescheid. Weiter zum Sudoku. Brauche ich eine Kompaktwaschmaschine? Egal. Das Glück macht sowieso, was es will.
„Dann spiel doch gleich Lotto.“ Irma radiert. „Rätseln kostet Zeit. Und ist Arbeit.“
„Viel zu teuer, meine Liebe. Das Geld für den Lottoschein will ich nicht berappen. Auch ohne Franken muss das klappen.“
„Reich werden beim Rätseln? Soviel Glück widerfährt höchstens Gustav Gans. Und der hat keine Schwester.“ Sie zuckt mit den Schultern. „Immerhin wusste er, dass der Eigenanteil am Erfolg überschätzt wird.“
„Ach, Irma. Auch wenn sie selten sind, Wunder gibt es immer wieder.“ Meine Stimme klingt trotzig. „Ist dir denn noch nie eins begegnet?“
Selbstverständlich hat das Glück nicht die Tüchtige. Es gibt Milliarden von Tellerwäscherinnen, die tagein, tagaus riesige Spülmaschinen füllen und tagaus, tagein davon träumen, die eigenen Millionen zu waschen. Na und? Es braucht ein klitzekleines Quäntchen Glück, um im Geld zu schwimmen. Und ein wenig Tatkraft. Sonst geht der Tresor nie auf.
„Die meisten Lottomillionäre haben das Geld ohnehin innerhalb von zwei Jahren verbraten.“ Irma lacht. „Und dann wäre es wieder Essig mit der Weiterbildung.“
„Geben wir dem Zufall die Chance, auch mit mir Schicksal zu spielen. Ich will doch keinen Sechser im Lotto oder eine Riesenerbschaft. Mir genügt ein Lebensmittelgutschein pro Monat, zwei Jahre lang.“
„Zufall?“ Irma nickt begeistert. „So viele Erfindungen gibt es, die steinreich gemacht haben. Dabei sind sie bloß zufällig entstanden. Zet Punkt Be Punkt LSD. Penicillin, Röntgenstrahlen, Klebezettel, Tintenstrahldrucker und und und. Mikrowellenherd. Das Schicksal liebt den Zufall.“
Besonders, wenn es ein bisschen geschubst wird. Es ist einfach schöner, Kreuzworträtsel zu lösen, als auf den Glücksboten zu warten.
Und wenn ich nicht gewinne? Mein Blick schweift durch die Küche. Wenn ich nicht gewinne, werde ich eben einige Dinge zu Geld machen. Für den Toaster und das Waffeleisen bekomme ich sicher noch ein paar Franken. Dann ist das Porto fürs nächste Preisausschreiben schon mal gesichert. Stabmixer, Entsafter, Dampfgarer. „Sag mal, hast du nicht letztens gesagt, dass du auch genau so einen haben musst?“ Ich deute auf den Tischgrill.
„Zeig mir lieber die Rechnung von der Weiterbildung.“ Irma lacht mich an.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne Juli 2012
Gib es her!
„Papierhöhle? Schnipselberg? Theaterschnee?“ Irma kommt ins Wohnzimmer. „Etwa eine Konfettiparty? Nicht einmal drei Tage kann ich dich allein lassen.“ Meine beste Freundin bahnt sich einen Weg zum Sofa, quer durch die Papierfetzen.
Ich zerreiße ein weiteres Schulheft. Einmal längs, einmal quer und dann in immer kleinere Stückchen. „Ich bin es satt, Irma. So satt. Ich gebe und gebe und gebe und gebe. Aber warum soll ich mir aufschreiben, wem ich wann was verleihe? Es kommt ja doch nichts zurück.“
Irma pfeffert ihre Jacke auf mein gestern gereinigtes Sofa.
Ich verschränke die Arme. „Weißt du, was eine Garderobe ist?“ Schluss mit der Gutmenscherei. Ich habe keine Geduld mehr für Respektlosigkeit. Aus mit den Frechheiten. Mir langt’s. „Häng sie auf!“
Irma legt sich den Anorak über die Knie. „Wer seinem Maultier kein Futter gönnt, geht bald zu Fuß, wissen die Chinesen. Also sag schon. Welcher Esel hat dich getreten?“
Ich winke mit ihrem Bücherzettel. „Wann bekomme ich die zurück?“
Irma zählt auf. „Die indonesischen Schwestern?“, sagt sie. „Die liest gerade Annemarie. Giraffe im Nadelöhr begeistert meine Nachbarin schon zum zweiten Mal. Lass mich deine Pizza sein, wem habe ich das denn ausgeliehen? Ach ja, Tante Gertrud.“
Ich glaube, ich höre nicht recht. „Du verleihst meine Bücher weiter? Meine?“
Irma winkt ab. „Liebe Mette, es ist besser, zu geben als zu leihen. Und es kostet ungefähr gleich viel.“
Jetzt kommt sie mir noch mit was weiß ich wem, dabei ist es mir so was von egal, wen sie mal wieder zitiert. Ich will, ja, ich. Meine Bücher, die will ich zurück. Bin ich denn eine Bücher-Eintreiberin? Amtlich bestellt, staatlich, eidgenössisch geprüft und vereidigt, so wahr mir die Göttin helfe.
„Hier!“ Ich hole meinen Kabinentrolley. „Erstens. Du gehst nach Hause. Zweitens, du packst alles in den Koffer. Auch die T-Shirts, die ich dir geliehen habe, den Regenschirm, ach was, alle Regenschirme! Noch heute gibst du es mir zurück. Und alles, was ich gerade vergessen habe, natürlich auch, liebe Irma. Verstanden?“
Sie nickt. „Deinen Trolley?“ Irma streichelt über den Ledergriff. „Ich wollte ihn immer schon haben. Leihen, meine ich. Und jetzt hast du ihn mir freiwillig geschenkt. Also gegeben. Äh, geborgt. Na ja, eher geliehen. Genau. Geliehen, das wollte ich sagen.“ Irma strahlt den Koffer verliebt an.
Ach, soll sie ihn haben, er macht ihr doch so Freude. Da ich ja sowieso meine Borgschuldlisten zerrissen habe und verbrennen werde und die Asche vergraben, damit wenigstens ein Blümchen daraus entsteht, fange ich keine neuen mehr an. Wer keine Listen hat, braucht sich auch nicht die Ausborgstrolchinnen zu merken. Was für eine Erleichterung!
Irma lächelt. „Übrigens“, sagt sie, „der Koffer von dem letzten dreiwöchigen Italienurlaub, den bräuchte ich aber trotzdem nächste Woche. Ja, meinen Koffer. Der Schal hat Zeit bis Winter. Nur den Bikini, den pack bitte gleich ein. Den mit den Herzchen. Den anderen darfst du gerne noch ein bisschen haben.“
Upsi. Liebe Göttin, erinnere sie bloß nicht an das Fahrrad. Dann leih ich dir eine Kerze. Und die brauchst du mir nicht einmal zurückzugeben. Versprochen.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne, April 2013
Kuschelmuschel
Was soll ich nur tun? Meine Busenfreundin will mit mir auf die Frauenparty am Steg. Ausgerechnet dieses Wochenende. Starke Argumente hat sie, charmant schäkern, aufgehübscht abtanzen und die heißen Füße im Zürisee kühlen. „Sonne pur, der Schauer in weiter Ferne und Sternschnuppen in Reichweite. Kannst du da Nein sagen?“ Irma lächelt mich an.
„Weißt du, es ist so. Ich habe ihn ergattert, den allerletzten Platz beim Cuddlen“, antworte ich und lehne mich gegen den Kühlschrank. „Schon seit Monaten stand ich auf der Warteliste.“
Irma kann es nicht fassen. „Ins Puff? Duuu?“
Was soll ich sagen? Allein. Unterwegs. In den USA. Ein Jahr. Und in New York kam das Kuscheln auf. Ich wurde nordamerikanische Meisterin im Schulterstreifen und im Rückenrubbeln à la franҫaise.
„Nenn es doch bitte Anti-Stress-Kurs, Irma.“ Ich hole ein Schneidbrett aus der Schublade. „Oder noch besser: Herzkontakt. Inklusive wohliges Zusammenrücken.“
„Arbeitsplatzbeschaffung für brotlose Kursleiter und unterbeschäftigte Therapeuten, das meinst du wohl.“ Sie belegt ihr Semmeli dick mit Käse.
„Gemailte und gesimste Umarmungen sind einfach doof. Oder dieses Bussi-Bussi-Getue bei Aperos und Meet and Greet. Oberdoof! Aber echt.“
Irma salzt in aller Ruhe die Tomate. „Gemischt?“, fragt sie nur und beißt kräftig zu.
Ich nicke. „Gleich viele Männer wie Frauen. Drei Dutzend Leute. Klare Regeln und alle halten sich daran. Da wird streng drauf geachtet.“ Was ziehe ich nur an? Kuschelenergie glüht nach. Lange. Mindestens, bis ich wieder daheim bin, bei meinem Teddy.
„Du willst also den Atem eines Mannes spüren? Ein Fremder in deinem Nacken?“ Irma schluckt.
Wie, Mann? Der soll schön auf seiner Matratze bleiben. Mit seiner Frau. Die Jungs sehen das bestimmt, dass ich kein Interesse habe. Es genügt doch auch, dass wir das Warm-up zusammen tanzen.
Irma greift nach einer Tomate. „Mette, heterosexuelle Männer wollen Frauen. Sie robben sich an das schöne Geschlecht heran, wo es nur geht. Weißt du noch?“
Ihr breites Grinsen verdirbt mir den Appetit. Ich presse die Lippen zusammen. New York ist über ein Jahrzehnt her. Mein letzter Cuddle-Hype auch. Erinnerung macht vergesslich.
„Du lebst schon so lange in lesbischen Bezügen“, doziert Irma, „Männer erlebst du allenfalls über den Fernseher, das Kino, Zeitungen, Zeitschriften. Und privat sind sie Bruder, Neffe, Onkel, Schwager, Vater. Oder dein schwuler Kumpel. Ansonsten bilden sie eine Parallelgesellschaft. Sie sind die Ausnahme in deinem Leben. Du rekonstruierst sie nur noch mithilfe deines Weltwissens.“
Ich greife nach dem Käsemesser. Männer? Heterosexuelle? Nichts da. Aber so was von! Kuscheln bleibt in Frauenhand. Das wäre ja noch schöner! Energisch bearbeite ich den Käse. Irma schaut mich schweigend an. Den Blick kenne ich. Weiß sie mehr als ich?
„Duhuuu? Irmaaaaa? Ich komme mit zur Frauenparty. Es wird mich sicher mehr als eine knutschen und knuddeln wollen. Und wenn mir das nicht reicht, gehe ich zur Massage.“
Irma nimmt mich in den Arm und hält mich, als ob sie mich nie wieder loslassen will.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne, Januar 2013
Meilenweit gelaufen
„Nicht so schnell, Mette“, ruft meine Busenfreundin. Für Sport-As Irma bin ich alte Raucherinnenlunge zu flink? Sie pfeift ja wie eine Dampflok! Unglaublich.
„Mette! Erst Spaß und Schwatz. Und dann. Der Schweiß“, hechelt Irma. „So springt. Sie auf. Der Alm. Die Geiß. Beim Shoppen. Jagen wir. Den Preis. Und nicht die Uhr.“ Ich weiß, ich weiß.
Wieso denkt sie jetzt ans Shoppen? Laufen ist dran, nicht Laufsteg, In der Sonderangebotszeit bin ich sowieso gut trainiert. Speziell die Ellenbogen. Siebzig Prozent Rabatt auf Designerware belohnen jedes Hanteltraining. Aber der nächste Ausverkauf ist weit. Also Sport. Dabei müsste sie gegen die Rauchen-Stopp-Fetthüftbauch-Speckröllchen doch ausreichen, die Fünf-Mal-täglich-Salatblatt-sonst-nichts-Mager-Grün-Diät.
Sport ist Mord. Ich hörte auf zu rauchen, weil es mir zu viel wurde, zwanzig Mal innerhalb von sechzehn Stunden mehrfach die Hand zum Mund zu führen. Und dieses Ascheschnipsen ungezählt wie oft! Muskeltraining. Ständig. Raucherinnen verbrauchen zweihundert Kalorien am Tag. Kalorien? Kilokalorien! Die Zigi davor und danach? Schwerstarbeit! Warum habe ich bloß aufgehört? Doch nicht wegen der Gesundheit. Das bisschen Husten und die leise rasselnden Bronchien? Völlig überbewertet. Schuld sind sowieso die Abgase. Ein Auto rauscht mit knatterndem Auspuff an uns vorbei.
„Brems endlich ab, Mette. Sonst verpasse ich dir einen Pulsmesser. Optimal sind siebzig Prozent von 226 minus dein Alter. Also, Mette, du bist zu schnell. Für dein Alter.“
Und so etwas ist meine beste Freundin? Irma sollte mich besser kennen. Beim Sport ist das Ziel, so schnell wie möglich Laufschuhe in die Ecke, Klamotten aus, ab unter die Dusche, rein in den Hausanzug und rauf auf die Couch. Und sonst nichts. Leider. Das waren noch Zeiten, als neben der Fernbedienung fürs Fernsehen Feuerzeug und Fluppe auf mich warteten.
„Intervalltraining heißt, drei Minuten zügig gehen und dann drei lockeres Tempo laufen. Das reicht fürs Erste.“
Ich bleibe stehen. „Mir langt’s. Warum tu ich mir das überhaupt an? Nur wegen ein bisschen Gesundheit in spe? Um das Sterben, liebe Irma, da kommen wir eh nicht herum.“
Wieder ein Auto. Der Fahrer raucht. Ich seufze. „Viel wahrscheinlicher, dass mich ein Unfall erledigt, viel schneller als der Lungenkrebs. Mit meinem Glück werde ich keinen einzigen Tag der Rente genießen können.“
„Mensch, Mette, die Sucht hat dich ja voll im Griff.“ Irma runzelt die Stirn. „Lunge, Kreislauf, Hüftgold, Herzchen, alles gleichgültig. Dann gibt es nur noch eins.“ Sie strahlt. „Verlieb dich, mein Stinkstiefelchen.“
Das war wirklich der einzige Grund, nicht mehr zu rauchen: der Gestank. Ich konnte mich selbst nicht mehr riechen. Aus allen Poren kroch Qualm. Ein wenig Herzengagement gegen Entzugserscheinungen? Hört sich gut an. Luft und Liebe, das ist die ideale Diät. Sex bleibt mein Lieblingssport und Küssen ist das beste Mittel gegen Raucherzunge. Ach, was kann Gesundheitsfürsorge schön sein! Ich hab das Rezept. Wo, bitte, ist die nächste Apotheke? Mit einer Hübschen im weißen Kittel? Nichtraucherinnen bevorzugt.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne Mai 2012
Der Wurm steckt in der Suche
„Ich sterbe, Irma. Hörst du? Ich sterbe! Der Wurm nagt schon an mir. Es ist vorbei.“
Irma schiebt mir das Thermometer ins Ohr. „Woran stirbst du heute?“
Mühsam setze ich mich auf. „Fischbandwurm! Hast du den Film nicht gesehen? Das Monster wird zwanzig Meter lang. Hörst du? Zwanzig! Letzte Woche gab es rohen Fisch. Unser letztes gemeinsames Abendmahl. Schön war’s.“
Irma schüttelt das Kissen auf. „Aber, Mette. Ich hatte das Egli-Carpaccio. Du hast nur probiert. Ein winziges Stückchen. Wenn hier überhaupt eine sterben muss, dann doch wohl ich. Und mir geht es prima.“
Glaubt Irma etwa, ich sei eine Idiotin? Eine von denen, die was über Hodenkrebs lesen und am nächsten Tag im Wartezimmer der Urologin sitzen? Auch wenn ich mich aus Solidarität manchmal als schwul bezeichne, Hoden sind mir noch keine gewachsen. Meine Eierstöcke würden mir auch die Ohren lang ziehen. Und nun werden wir nicht einmal gemeinsam die Wechseljahre erleben.
„Woher weißt du eigentlich, an was du mal wieder stirbst?“
Matt taste ich nach dem Thermometer. „Doktor Google hat es mir gehupft. Die Foren haben seinen Befund bestätigt.“
So schnell kann man gar nicht klicken, wie im Internet harmlose Symptome zu tödlichen Krankheiten werden. Daher würde ich niemals, absolut niemals nur auf Doc Google hören. Die Häufigkeit der möglichen Erkrankung zählt dort nicht. Jedes Kind weiß, dass bei ihm ganz oben auf der Ergebnisliste die populärsten Beiträge stehen, direkt nach denen, für die ordentlich gezahlt wurde.
Allerdings gilt das nicht für meinen real existierenden Fischbandwurm, den tückischen Diphyllobothrium latum. Unerbittlich wächst er. In meinen Bauch! Was für ein Schicksal. Von einem Wurm gefressen! Ich hätte mir wirklich einen besseren Tod gewünscht. Oder besteht noch Hoffnung? Vielleicht lag es doch an der Suchabfrage? „Bitte, Irma, sieh dir mein Todesurteil an.“
Sorgfältig tippt sie meine Beschwerden in ihr Smartphone, eine nach der anderen. Alle mit plus. Kreuz, das passt. Ich sterbe schließlich. Was ist das? Sie kann sich das Lachen nicht mehr verkneifen.
„PMS. Du kriegst deine Tage.“
Wie, kein Wurm? Keine Fischvergiftung? Ich rechne nach. Doc Google, Ihre Approbation ist gefährdet.
„Du bist dem Nocebo-Effekt aufgesessen. Dem bösen Zwilling des Placebos. Wer glaubt, wird selig.“ Irma rollt die Augen himmelwärts. „Aber du noch nicht, liebe Mette. Willkommen zurück unter den Lebenden.“
Mein Siechtum ist wie weggeblasen. Ich greife nach der Fernsehzeitung. Mist. Nur Gesundheitsmagazine und Ärzteserien. Nichts für mich, die Ansteckungsgefahr ist einfach zu groß.
„Also gut, Irma, vergessen wir das Sterben. Lass uns das Leben genießen.“ Wo steckt meine Busenfreundin nur? Ich höre sie im Flur murmeln.
„Entwurmungsmittel, gut. Im schlimmsten Fall? Ok. Dann esse ich weiter rohen Fisch. Bis morgen, Frau Doktor Schäfer. Und vielen Dank.“
Vielleicht sollte ich mir Irma zum Vorbild nehmen. Nicht das Internet, Fisch essen macht klug. Und wenn doch ein Wurm anklopft, versetzt ihm die Ärztin aus Fleisch und Blut den Todesstoß. Denn sterben sollte frau nur einmal. Höchstens.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne März 2012
Saures oder Süßes?
„Gay! Gay! Nun gay schon!“ Wieder drücke ich den Knopf an der Ampel.
„Werde grün. Grüner. Am grünsten!“
Wenn Gewalt versagt, muss eben Magie ran. Ja. Es grünt so grün und ich will über den Zebrastreifen spurten. Da hält mich meine Busenfreundin Irma fest. Und knutscht mich zur Begrüßung. Ausgiebigst. Mitten auf dem Bürgersteig. Die Ampel errötet prompt.
„Irma, lass mich los! Die Leute gaffen schon. Ein öffentliches Ärgernis, dafür habe ich wirklich keine Zeit.“ Es ist immer noch Rot. Irma hakt sich bei mir ein.
„Ist heute dein Bloß-nicht-Homo-Tag?“, fragt sie.
Ich hole tief Luft und lege los. „Die wissenschaftliche Bezeichnung Anführungszeichen unten homosexuell Anführungszeichen oben wird von vielen gleichgeschlechtlich orientierten Frauen wegen der Reduktion ihrer Empfindungen auf Sexualität abgelehnt, da lesbische Lebensweise neben Sexualität auch die emotionale Zuwendung sowie den Wunsch nach partnerschaftlicher Bindung beinhaltet oder beinhalten kann.“ Uff. Bis ich diesen Satz auswendig konnte!
Irma schaut mich groß an. „Wo hast du das denn her?“, fragt sie.
„Wikipedia“, antworte ich stolz. „Zur Abwehr. Und zum Vorbeugen. Die intolerante Vogelgrippe ist mal wieder unterwegs. Gleich hält sie einen homophoben Vortrag, direkt um die Ecke. Gayst du mit?“
Irma schüttelt sich. „Das wird zur Epidemie. Malaysia jagt Homosexuelle und, schwups, muss hier auch wieder für die sogenannte Ordnung gesorgt werden. Die weiße, patriarchalische, heterosexuelle, versteht sich. Wenn sie es schon nicht bei sich daheim können, dann ...“
„... dann schießen sie eben in der Nachbarschaft auf den Haussegen“, unterbreche ich. „Dabei ist es doch bekannt. Bis zu zehn Prozent warme Brüder und oder starke Schwestern sitzen mit in der Runde. An jedem Familientisch. Transgender auch und all die anderen aus der Family. Schon immer. Und das wird auch so bleiben. Da hilft keine Kokosmilch, auch keine Pomelos oder Orangen und selbst Zitronen versagen. Der Ratschlag ist sowieso nicht wissenschaftlich. Wie heißt dieser Professor doch gleich – der von der Universität in Malaysia? Ach, der hat doch schlicht einen Vogel.“
Irma grinst breit. „Ach, wie schade! Stell dir nur vor, Saures als Anführungszeichen unten Gegenmittel Anführungszeichen oben für Homosexualität.“ Sie überlegt kurz.
„Dann müsste umgekehrt Süßes jede heterosexuelle Frau zu einer Lesbe machen.“ Sie kichert. „Ob Christine Gräfin von der Pahlen das wusste, als sie riet, auch bei kleinen Einladungen Konfekt als Gastgeschenk mitzubringen?“
Das ist die Lösung! Erleichtert drücke ich wieder den Ampelknopf. Schokolade habe ich immer dabei. Ob der Homophobiker dann schon während seiner Rede schwul wird? Oder dauert das ein bisschen? Wenigstens wäre der erste Schritt in ein warmes Leben getan. Falls es mit der Homosüßität doch nicht gayt, könnten wir immer noch über Stockschläge, Strafverfolgung und Umerziehungslager à la Malaysia nachdenken. Nicht nur dort glaubt man ja, dass das umgekehrt klappt.
Endlich, Grün. Zufrieden gehe ich über die Straße, Irma im Schlepptau. Wenn doch alles so gut funktionierte wie die Taste an der Ampel.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne Januar 2012
Heldin mit Pfeife
Gerade ziehe ich die Laufschuhe an, als meine beste Freundin Sturm läutet.
„Lass mich rein“, ruft sie panisch.
„Was ist los?“
Gehetzt schaut Irma nochmal in den Flur und verriegelt dann hektisch die Wohnungstür.
„Mein Chef“, japst sie, „dieser Mistkerl. Ich hab’ ihn erwischt. Er steckt sich das Geld für die Forschungsaufträge in die eigene Tasche. Wenn er rauskriegt, dass ich das weiß, bin ich tot.“
Die Laufschuhe wandern in die Ecke.
„Meld das doch. Wir leben schließlich in einem Rechtsstaat.“
Irma schüttelt den Kopf. „Bin ich etwa eine Nestbeschmutzerin? Nachher werde ich noch verurteilt wie Wyler und Zopfi.“
Ach ja, die beiden Aufrechten vom Sozialamt. Erst Missstände gemeldet, dann verurteilt vom Zürcher Obergericht wegen Amtsgeheimnisverletzung.
„Nein, Mette. Ich bin mir näher als mein Hemd. Wen interessiert schon, dass der Typ klaut?“
Mir fällt die Kinnlade runter, und zwar bis aufs Knie. So was aus dem Mund meiner Irma? Sie, der kategorische Imperativ gegen alles Üble der Welt, besonders laut bei Demos. Aber als Einzelkämpferin feige?
„Prix Courage, Irma, wäre der nichts für dich? Caroline Kramer hatte auch Angst, als das Bundesamt für Gesundheit unsere Steuergelder gegen die Volksinitiative ,Ja zur Komplementärmedizin‘ einsetzte. Trotzdem pfiff sie Alarm. Jetzt hat sie den Oscar für Zivilcourage.“
Irma wischt sich den Schweiß von der Stirn. „Ich hab’ doch keine Angst“, murmelt sie.
„Brauchst du auch nicht. Denk an den Klärschlammskandal.“
Sie winkt ab. „Ach das. Der Chef der Zürcher Stadtentwässerung sitzt. Das ging gut aus. Für die Denunzianten. Ausnahmsweise. Aber was ist, wenn mein Lehrstuhl wackelt? Der gehört mir. Für den habe ich mich jahrelang abgerackert. Und nur, weil so ein geldgeiler Gauner ...“
Irmas Stuhl könnte tatsächlich kippen. Allzu viele Whistleblower wurden vor Gericht abgestraft. Ihnen half kein Gesetz. Und die meisten hatten sich selbst verraten. Zu laut gequatscht. Eine E-Mail zuviel auf dem Server. Eine Kopie zufällig liegengelassen. Meine Irma ist sicher vorsichtig. Und nicht nur an der Tür.
„Hast du Rechtsschutz? Die Anwältin könnte die Presse füttern.“ Zufrieden reibe ich meine Hände. „Oder wie hieß sie noch gleich, diese Journalistin? Wir bauen auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht vor Gericht.“
Irma lächelt. Endlich. Sie startet den PC. „Es muss doch eine interne Anlaufstelle auf der Uni-Website geben. Oder ein externes Aufsichtsorgan. Vielleicht noch mit Onlineplattform. Anonymisiert.“
Sie holt tief Luft.
„Ich habe doch Angst. Was ich am allernötigsten brauche, ist Coaching. Frau wird nicht als Held geboren, sondern zur Heldin gemacht.“
Irma wechselt die Suchmaschine. „Gibt es da denn wirklich nichts?“
Sie starrt auf den Monitor.
Ich lache. „Das ist das kleinste Problem, meine Liebe. Doktor Evil. Gib den mal ein. Und dann auf zum Hauptseminar für Heldinnen.“
Irma klickt. „Zimbardo!“, ruft sie und es klingt wie Heureka. „Das Zauberwort gegen Feigheit. So kann ich den Korruptionskönig vom Thron stoßen, ohne selbst zu stürzen.“
Da bin ich dabei. Erst die Assistentin macht die echte Superheldin. Dürfen wir uns vorstellen? Blower. Whistle Blower. Zu Ihren Diensten.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne November 2011
Die weiche Welle
„So gemein!“ Zack, landen die Freudenspender nacheinander im Abfall.
„Mette, hast du die Freundin gewechselt?“, fragt Irma.
„Ach was, uns gibt es weiterhin. Aber das hier, das ist vorbei. Endgültig.“
Irma grinst. „Wenn ich nicht irre, ist das deine Privatschatulle, oder?“
„War sie. Aber die haben es mir verdorben. Gründlichst.“ Erbost drücke ich ihr den Bericht in die Hand. „Lies einfach.“
Irmas Gesicht wird ernst. Zu Recht! Dildos, Vibratoren und was weiß ich, alles enthält krebserregendes Gift. So eine Sauerei! Das kann doch nicht sein, dass ich wegen Krebsgefahr das Rauchen aufgebe und ihn mir dann via Ente oder Delphin ins Haus hole.
„Und, liebe Irma, was sagst du jetzt?“ Paff! Das war die Beckenbodentrainerin.
„Duhu, Mette?“ Irma schaut amüsiert. „Hier steht, die Behörde für Nahrungsmittel- und Warenprüfung in Amsterdam sagt, dass erst ab zehn Stunden pro Woche die Vibratoren eine Gefahr sind.“
„Soll ich mir etwa noch aufschreiben, wie lange der Auflegevibrator zwischen meinen Schenkeln brummt? Irgendwann sind die Akkus eben leer.“ Ich funkle meine Busenfreundin an. „Außerdem, du hast mir das Teil doch empfohlen!“
Irma sieht sehr verdutzt drein.
„Mensch, du weißt doch, damals, als ich mir den Nacken verrenkt hatte. Glaub mir, als Massagegerät für kleine Muskel-Unpässlichkeiten ist er wirklich unersetzlich.“
Was denken sich die Hersteller nur dabei? Kinderspielzeug mit Weichmachern wird erst gar nicht auf den Markt gebracht. Aber womit Erwachsene spielen, das darf aus Phtalaten und weiß die Göttin was gebastelt sein, ohne dass sich irgendwer erregt. Straft uns der Neid der Zu-kurz-Gekommenen für die schönste Nebensache der Welt? Wer ist eigentlich uns? Ein Viertel der Bevölkerung. Mindestens!
Irma reibt sich die Nase. Juckt es? Oder ist sie wieder einmal Vicke Viking? Tatsächlich! Sie lächelt, zwinkert und schnipst mit den Fingern. „Ich habe eine Idee!“ Fehlt nur noch der Sternenregen. Ja, sind wir denn im Comicland?
„Alles halb so schlimm“, sagt sie, „schlimm genug, aber halb so schlimm. Wir halten es einfach wie die Dänen. Kondom drüber und ran an den Speck!“
Müde winke ich ab. „Hast du schon mal Kondome ohne Reservoir und Spermizid gefunden?“
Wieder reibt sich Irma die Nase „Wir könnten die Mütter fragen, womit die gespielt haben. Bananen und Karotten kannten sie doch auch. Was mag ihr Sexbüffet sonst noch an frechen Früchtchen offeriert haben?“
„Bist du verrückt?“ Entgeistert starre ich sie an. „Willst du wirklich wissen, wie deine Mutter Sex hatte? Oder hat?“
Stille. Zum ersten Mal ist Stille zwischen uns. Doch schon hat Irma einen weiteren Einfall und zieht mich zur Tür. „Erotikmesse! Riesenauswahl! Da finden wir mit Sicherheit feministisch einwandfreies, ergonomisch sinnvolles Sexspielzeug. Und zwar mit einem Gütesiegel von der Krankenkasse. Und Umweltzertifikat.“
Ich schaue trauernd auf den Abfallsack. „So viel Freude auf einen Haufen! Und alles vergiftet! Göttin sei Dank wird der Elektroschrott erst übermorgen abgeholt. Ich muss mich noch gebührend verabschieden, Irma. Geh du schon mal vor, ich komme dann …“
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne September 2011
