Mette führt Buch, Irma gibt Bücher weiter. Meine neuste Kolumne finden Sie in der Rubrik «lesen» – und mehr.
Gay-web. Das Netz für Schwule und Lesben
Lass mich deine Pizza sein
Renate, Altenpflegerin, und Leila, Briefträgerin, sind zwei gestandene Frauen, leben in Zürich in einer Lesben-WG. Und wieder wird ein Zimmer frei. Die neue Mitbewohnerin heißt Jo wie Josefine und passt mit ihrer Motorradlederkluft perfekt ins Klischee einer bestimmten Spezies frauenbewegter Frauen. Doch es kommt ganz anders, als Renate und Leila denken. Auf jeden Fall bringt sie die Welt der beiden ganz schön durcheinander. Ich-Erzählerin Renate befallen Selbstzweifel : "Tief in mir sitzt die Angst, nicht akzeptiert zu werden, wie ich bin - weder von mir selber noch von der Gesellschaft. Hängst mein Bild davon, was und wer ich bin, mit tief eingefleischten Wertvorstellungen aus dem letzten Jahrtausend zusammen? Hat da schon jemand daran gedacht, mich zu zeugen? Lebe ich unbewusst den alten Tugendkatalog für Frauen, die weder schreiben noch lesen konnten?"
Und dann ist da auch noch ihr Job als Altenpflegerin, der ihr Erfahrungen älterer Generationen nahe bringt. Gerade ist Frau Müller gestorben, ehe Renate sie richtig kennen lernen konnte. Dieser Pflegefall erhält besondere Brisanz, weil Herr Müller eigentlich viel zu viele Tabletten in seiner Wohnung hortet. Ein Verdacht erhärtet sich. Renate hat Mühe, professionelle Distanz zu ihrer Arbeit zu bewahren. Ersehnte Ablenkung bietet ihr Christine, vielleicht sogar das große Glück ...
Kritik
Der lesbische Autorin Sandra Wöhe gelingt es, Frauenalltag erzählerisch gut zu präsentieren. Die Leserin ist nicht versucht, das Buch zwischendurch aus der Hand zu legen (für immer!), obwohl die kontemplativen Passagen überwiegen. Doch mit Geschick umschifft die Autorin die Gefahren und zieht die Handlungsstränge konsequent. Manches kommt noch etwas unbeholfen rüber. So sollte sie sich beispielsweise noch überlegen, wie sich Telefonklingeln besser darstellen lässt. "Riiiiing" ist da doch etwas simpel gestrickt. Letztendlich hat die diplomierte Krankenschwester, ausgebildete Publizistin und heute freie Journalistin mit ihrem Romanerstling jedoch ein gutes Stück Unterhaltungsliteratur abgeliefert, das mit Sicherheit seine Leser finden wird, wenn es entsprechend günstig in den Buchläden ausgelegt wird und nicht in der hintersten Ecke unbeachtet bleibt.
Lisa, gay-web 27. Sep 2003