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Die indonesischen Schwestern - Cornelia Boehler, femscript.ch

Sandra, dir ist ein Roman gelungen mit Spannungsbogen, vielen Akteurinnen und Schauplätzen. Ist es eine Familiensaga, eine Integrationsgeschichte? Es ist etwas viel Originelleres: deine Sprache führt aufs Glatteis. Stellung zu beiziehen fällt auf jeder Seite schwer, doch langsam wächst die Geschichte der indonesischen Schwestern, einzelne Figuren, lebende Personen natürlich, nicht erfundene Romanfiguren, wachsen einem ans Herz. Als Leserin verstehe ich und doch nicht - vor allem verstehe ich die schweizerische Realität, die durchkommt und nicht wegzuwischen ist. Auch das Deutschland von damals verstehe ich ein wenig, es wird mir ja nahegebracht auf sympathische Art. Dialoge, die so stattfinden könnten, Gedanken, die genau so wichtig sind. Und doch: eine Unüberbrückbarkeit - zum Glück, möchte ich dir zurufen! Denn das Fremde zieht an, nicht das Übliche.

Ganz subtil nimmt diese Phyllis, diese Mutter, die keine sein will, die lieber auch eine Schwester wäre, diese Figur in ihrer Geradlinigkeit, Unbeugsamkeit, in ihrer von dir in der ganzen Lebensechtheit geschilderten inneren Grösse - sie nimmt Gestalt an - ich sehe sie: warm, mild, nicht gebrochen, auch nicht resigniert - sie erlebt das, was mich als Grossmutter am meisten interessiert. Sie hat ein zweites Leben dank eines Enkelkindes, dieses Kiwi-Mädchen, es ist schnell wie ein Tornado gemessen an der Schrittweise der Grossmutter, diese möchte ja die Zeit verlangsamen, Zuschauen, Miterleben, dem Wirbelwind nachrennen, für Alle kochen, Partys planen, sie möchte dabei sein und nicht aussen vor, auf dem Fauteuil der grossen Mütter.

Derweil Phyllis auf Kiwi schaut, können ihre Töchter machen, was das Leben befiehlt: Erfahrungen sammeln, sich auf- und abregen, die Stelle schmeissen, die Ausbildung voranbringen, vergehen vor Verlangen, sich leise aus dem Umkreis der Mutter entfernen - nicht böswillig, sondern naturgemäss. Auch dies hast du gut geschildert, in einem Satz machst du begreiflich - das geht sie nichts an, diejenige, die für uns alles gewagt hat, sie braucht nicht alles zu wissen.

Deine Sprache ist präzis, originell und schöpferisch, du erklärst nichts - aber du klärst ohne zu werten. Deine Geschichte ist auch ihre Geschichte, die der indonesischen Schwestern und ihrer zentralen Figur, der Mutter, einer unsentimentalen Frau, eine die alles vergessen und verlassen muss und dadurch gewinnt, nichts verliert, nicht einmal ihre Kultur, denn die zweite Kultur wird ihr fast ebenso wichtig. Kultur kann kein Mensch erlernen, nur erleben und leben. Und das ist eine wichtige Nachricht, die du hier verbreitest: lebe!

Danke, Sandra.

Cornelia Boehler, femscript.ch, Januar 2012

www.cornelia-boehler.ch
www.femscript.ch
www.a-d-s.ch

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