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Marlen Schachinger
Marlen Schachinger
Studium der Komparatistik, Germanistik, Romanistik in Wien; daneben und danach zahlreiche Jobs von Buchhändlerin über Nachhilfelehrerin und Speisen-Testerin zum Zimmermädchen. Seit dem Frühjahr 1999 freiberufliche Autorin (die manchmal skurrilen Nebenjobs dienen nun der Recherche).
Neben Publikationen in Zeitschriften und Anthologien erschienen als Einzeltitel: "morgen, vielleicht" (Roman), "Störung" (Kurzgeschichten), "Der Unschuld Verlust" (Krimi), "Wien.Stadt der Frauen" (Reiseführerin), "Ich,Carmen" (Erzählung) sowie der Roman "Nur du.Allein". Des weiteren wurden die Hörspiele bzw. -stücke "Die Wohngemeinschaft", "Encantada", "Bamporikis Wunder" und "Sprechen über" uraufgeführt.
Mein Arbeiten in verschiedenen Genres und Gattungen liegt -neben meiner grundsätzlichen Neugier- darin begründet, dass für mich zu aller erst eine Geschichte rund um ein oder zwei zentrale Figuren existiert. Aufgrund dieser Handlungsidee entscheide ich mich für diese oder jene Form, sei es nun Drama, Drehbuch, Roman, Lyrik, Jugendbuch oder Sachbuch.
Mehrere Preise und Stipendien, zuletzt: Preis des Theodor Körner Fonds (2007), Lise Meitner Literaturpreis (2007).
Essays in [sic!], Mitarbeit beim Ersten Wiener Lesetheater -FrauenLesenFrauen; Buchrezensionen für diverse Medien; Zahlreiche Lesungen im deutschsprachigen Raum und im Ausland (Italien, Großbritannien, Frankreich), Seminare zu den Themen Literaturwissenschaft & Literarisches Schreiben; LesungsStadtspaziergänge zur Frauengeschichte Wiens.
Interview mit Marlen Schachinger
Was ist lesbische Literatur oder Lesbenliteratur?
Marlen Schachinger: Dieser Fragestellung möchte ich gerne meinen Essay "Danke, sehr freundlich" gegenüberstellen, der sich mit Frauenliebe und Literatur beschäftigt.Kürzlich bat man mich, einen Lesungsabend zu "lesbischer Literatur" zu gestalten. Dies erscheint mir schon an und für sich eine Absurdität zu sein, denn Literatur hat - abgesehen vom grammatikalischen Geschlecht, "feminin" - kein weiteres; und ihr einziges Begehren ist die literarische Ausgestaltung einer Handlung. Darüber hinaus wäre alles andere eine intendierte Absicht, somit ein Degradieren einer Geschichte zum Transport-Vehikel. Deshalb lässt sich folglich nicht von "lesbischer Literatur" sprechen.
Kann man aber, so frage ich mich, von lesbischen Autorinnen sprechen? Ja - und nein; denn beides kommt einer Reduktion gleich - meiner Phantasie, meines beruflichen Daseins. Der Terminus "lesbische Literatur" legt nahe, dass die Geschichte -geschrieben von einer Homosexuellen - ausschließlich lesbischen Inhalts zu sein habe.
Und der Terminus "lesbische Autorin"? - Was halten Sie davon, E. Jelinek als "heterosexuelle Autorin" vorzustellen?
Ich sitze und lese - vor Publikum, wie so oft. Ich bin mir sicher, über die Hälfte der Anwesenden hatte keine Ahnung, worauf er / sie sich einließ: eine andere Welt? Andere - im Sinn von "unentdeckt", nicht "unbekannt". Von mir aus gesehen rechts, im Eck, mir zuzwinkernd, die Clique; Freundinnen und Freunde.
Meine Geschichte lesend frage ich mich, welche Bilder diese Menschen hier im Raum in ihren Köpfen sehen. Befriedige ich ihren Voyeurismus, schockiere ich sie, diese Heteros und Heteras - oder sehen sie nicht, was für mich so offensichtlich? Und die anderen? Hüllen sie mich in ein "Wir" der "Homos" und "Bis", zu dem ich mich auch nicht a priori gehörig fühle?
Doch zurück zum Begriff "lesbische Autorin", welcher in Lesungssituationen oftmals fällt; er ist keinesfalls besser, als die nicht existente "lesbische Literatur". Denn der Terminus "lesbische Autorin" bewerkstelligt, was wir AutorInnen tunlichst zu vermeiden trachten: die Vermischung von Privatem und Öffentlichem.
Hat das Werk kein Geschlecht, so bleibt meines - in diesem (!) Text - dennoch ersichtlich. In ihrer inhaltlichen Darstellung der Lebenszusammenhänge differieren Werke; denn die sexuelle Orientierung der Autorin / des Autors prägt auch ihre / seine Sicht auf diese Welt mit; was keinesfalls bedeuten muss, dass mir einzig die meine vorstellbar bleibt.
Die Protagonistin in meiner Erzählung kommt abends nach Hause und küsst ihre Geliebte. Sie klettert morgens aus dem Bett, in dem sie und sie die Nachtstunden gemeinsam verbrachten. -Das verdoppelte Personalpronomen "sie" in seiner verschwimmenden Undeutlichkeit ist noch mein geringstes Problem. Auch nicht eine Verschämtheit, die man uns gerne überstülpen möchte - es gibt hierin nichts, wofür ich mich schämen müsste ...
Aber musst du es so ausbreiten? Das kann doch auch offen bleiben, nicht?, sagt mir einer.
Und ich antworte: Nein. Nein, kann es nicht.
Aber zumindest diese ... -na ja ... diese ... wie soll ich sagen ... die Szene nach dem Lokalbesuch ...
Du meinst, dass sie miteinander ins Bett gehen?
Ja ... also ...., sagt er. Das musst du doch nicht erzählen, das ist ja nicht notwendig! Für die Handlung. In ihrer Gesamtheit.
Ich widerspreche nicht. Vorerst.
Ich denke an meine Cousine, die mich darauf hinwies, ich könne ja gerne mit meiner Frau leben, doch gingen wir gemeinsam im Park spazieren, müssten wir nicht "ständig" ...
Küssen?, frage ich. Flirten? Necken? Lachen? Uns liebkosen? Ja, sagte meine Cousine. Und erachtete das Gespräch für beendet.
Also wieder? Verstecken verbergen bemänteln? Im Privaten? Im Literarischen? Ein "Er" anstelle einer doch so deutlichen "Sie"? Der Autorin ein männliches Pseudonym, Lesungen undenkbar? Oder gar: Ausgestaltung einer lesbischen Passage möglich; diese Beziehung muss jedoch unweigerlich in einer Katastrophe münden, damit die Welt der HeterAs & -Os gerettet? Das hatten wir alles Jahrhunderte lang.
Im Text gestaltet AutorIn ein Abbild - Zerrbild - Spiegelbild der Welt; durch diese Nachahmung des Außens wird eine Identifikation für LeserInnen möglich ...
Eben!, ruft mein Kritiker.
Weshalb?, frage ich.
Wie, sagt er, soll ich mich da einfühlen, in eine lesbische Frau? Ich meine, was interessiert denn mich das?
Nicht?, erkundige ich mich. Wen begehrst du denn? Frauen doch, oder? Also?
Im Text gestaltet AutorIn ein eigenständiges Universum: Was erzählt, was verschwiegen - und auch das Wie - sind textimmanent zu begründen. Der Leserin und dem Leser soll durch Leerstellen ermöglicht werden, sich in die ProtagonistInnen einzufühlen ...
Leerstellen!, ruft mein Kritiker. Siehst du, du behauptest das doch selbst.
Leerstellen, sage ich. Um Ohnehin-Verständliches nicht platt zu walzen.
Und meine Kritikerin, besagte Cousine, findet, dies wäre alles so ..., darüber müsse man doch nicht ....Wenn wir unter uns, dann könnten wir ja, wir Homos.
Schon wieder tut sich ein Graben auf, dieses "Wir" und: Ab-in-den-Schrank-damit, Tür zu!
Was "wir" erzählen, sage ich, und ich merke, wie ich innerlich über dieses "Wir" und "Ihr" wüte. Was "wir" erzählen, sage ich, ist nicht so viel anders, wie das, was "ihr" erzählt. Wir leben in ein und derselben Welt. Sage ich. Und im Sprechen wird es zur Halbwahrheit.
Die Probleme in unseren Beziehungen, sind von euren nicht grundlegend verschieden, fahre ich fort. Wir streiten, sage ich, um Haare in der Bürste, den Abwasch und Fragen der Zeiteinteilung ... Schwierig wird es, sage ich, weil wir oft auch die Angst mittragen müssen; vor mangelnder Akzeptanz von eurer Seite. Ihr fühlt euch bedroht - von uns. Sage ich.
Und mein Kritiker ist mit Leugnen beschäftigt ...
Ein thematischer Unterschied. Mit hoher Wahrscheinlichkeit nimmt das Thema Toleranz in literarischen Werken von AutorInnen, deren Lebenshaltung oder Herkunft vom Gros differiert, einen größeren Raum ein. Wie viele Werke, die Homophobie thematisieren, und nicht von gleichgeschlechtlich Liebenden stammen, kennen Sie?
Deshalb, sage ich, deshalb und aus anderen Gründen lese ich es mit gemischten Gefühlen, erlaubt eine Autorin wie Juli Zeh, "uns", den "Lesben" gnädig (wie übrigens auch den "ostalgischen Ossis"), in literarischen Texten "politisch" zu sein . Danke, sehr freundlich.
Ich überlege, ob es "politisch" sei, küsst Anna Elsa, weil sie diese begehrt? Und zudem: Wo ist die Grenze zu ziehen, zwischen "politisch" und "unpolitisch"? Ist ein Anna-Elsa-Kuss ein politischer Akt, ein Anna-Jan-Kuss jedoch nicht? Und was hat all dies mit einem Loch zu tun, in dem - angeblich - alle Werte aufgesogen würden, denn ebendieses mache es allen anderen, so schreibt Juli Zeh in ihrem Essay Sag nicht Er zu mir, unmöglich, denn "ohne Maßstäbe (...) lässt (sich)das Gute (...) schlecht identifizieren."
Meine Cousine, überzeugte Feministin und Links-Bewanderte - zumindest in der Theorie - wird zuerst rot, dann blass und schnappt nach Luft. Ihre nachdrückliche Frage nach Lebensdaten dieser Autorin wie nach unserem heurigen Jahr, entlockt mir einzig ein boshaftes Gegrinse ...
All dies, sage ich, ob es sich nun um Themenkreise in unseren literarischen Werken handelt, ob Liebesszenen mit diesem oder jenem Pronomen gezeichnet werden, ob Homophobie zum Thema wird oder nicht - all das bestimmt keinesfalls die Güte eines Textes, da hiermit weder über Struktur oder Form noch Sprache eine Aussage getätigt wird.
Und, sage ich, all dies bestimmt nicht einmal unsere LeserInnenschaft - höchstens noch, räume ich ein, höchstens noch im Sinne einer toleranteren, denn Lesen ist stets mit einem Besuch in einer anderen Welt, einem anderen Leben, einer anderen Zeit verbunden. Anders - im Sinn von "unentdeck“, nicht "unbekannt".
Ja, sagt meine Cousine. Ja, schon; aber ...
Und sie verstummt.
(Publiziert in: In Sic!, Nr. 54. Oktober 2005. S. 27 –28.)
Wer ist zurzeit deine LieblingsautorIn, welches dein Lieblingsbuch?
Marlen Schachinger: Diese Frage ist mir kaum möglich zu beantworten. Da ich beruflich viel lesen darf, sind jene Tage selten, an denen ich ein mir liebes Buch zum zweiten oder dritten Mal genießen könnte. Am häufigsten lese ich - beruflich bedingt - aus meinen eigenen Werken; wie so viele AutorInnen.
Abgesehen von diesem Zeitmangel: Jene AutorInnen, die ich für Facetten ihrer Arbeit bewundere, sind zahlreich: Virginia Woolf für ihre Klangkompositionen, Antje Rávic Strubel für die kühle Knappheit ihrer Erzählungen; an Jeanette Winterson bewundere ich Sprache und inhaltliche Gestaltung. Der - oft ironische - Wortwitz Oscar Wildes begeistert mich, und im Hinblick auf die Struktur schaffte es Milan Kundera, mich zu verblüffen (ich war gerade 18 geworden) - bevor ich dem phantastischen Realismus der lateinamerikanischen AutorInnen begegnete ...
Was macht deiner Meinung nach eine gute Autorin aus?
Marlen Schachinger: Einen wesentlichen Aspekt faszinierender, gelungener literarischer Arbeiten? Nicht bloß spannendes Erzählen wird beherrscht, sondern auch mit Phantasie der Inhalt bereichert; und die Struktur des Plots sollte nicht dem Zufall überlassen werden. Des weiteren wird Sprache als Mittel der Gestaltung gesehen; ähnlich wie eine Malerin nicht bloß eine grandiose Idee (Inhalt) benötigt, sondern auch ihr Werkzeug und die Beschaffenheit der Farben (Sprache) kennen muss, einen Blick für den Raum braucht (Struktur).
All dies darf aber während des Lesens nicht die Nähe zum Erzählten verhindern, das Eintauchen in die geschaffene Welt dieser Protagonistinnen. Die überlegte und konzipierte Basis sollte sich nicht in den Vordergrund drängen.
Eine weitere Gefahr sehe ich in der Überfrachtung des Inhalts. Ich kann es nicht ausstehen, wenn man mir sich bereits aus der Handlung ergebende Gefühlslagen, Gedanken oder Schlussfolgerungen erklärend darlegt. Literatur ist Erzählen und Darstellen von Szenen und hat ebenso wenig am Hut mit Behaupten oder Beweisen wie mit Geschwätzigkeit, Banalität oder intellektuellem Profilierungs-Streben.
Hast du mit deinen Veröffentlichungen ein literarisches und/oder gesellschaftliches Anliegen?
Marlen Schachinger: Nein, a priori habe ich kein gesellschaftliches Anliegen; es wäre, m. E., naiv zu glauben, Literatur könne die Welt verändern. Aber jene Themen, die mich interessieren und über die ich daher schreibe, sind zumeist gesellschaftliche bzw. ethische Themen. Sei es Verantwortung, Missbrauch in verschiedenen Formen, Genozid, Homophobie oder mangelnde zwischenmenschliche Kommunikation, psychische Erkrankungen ...
Und ein literarisches Anliegen? Spontan hätte ich mit "Nein" abgewehrt; vielleicht aber sollte ich doch anführen, dass mir die Vielfalt der Sprache wichtig ist; vergessene oder verdrängte Wörter, deren Klang mir weitaus lieber ist als so manche in der Umgangssprache übliche Variante; also Mobiltelephon versus Handy; oder die Schönheit des Wortes "fürderhin" ...
Welcher deiner Texte gefällt dir selbst am besten?
Marlen Schachinger: Stets das vorletzte Buch. Denn das zuletzt veröffentlichte ist mir am heutigen Tag noch zu nahe, das vorhergehende jedoch bereits zu weit entfernt. Darüber hinaus existieren in jedem Roman, in jeder Erzählung eine oder mehrere Passagen, die mir selbst nahe gehen. Nicht immer nur wegen des Inhalts, oft auch aufgrund der Umstände der Schreibsituation, an die sie mich erinnern, an jenen Tag oder jene Person, aus deren Eindruck bzw. Inspiration heraus sie entstanden ....
Welchen Stellenwert nimmt das Schreiben in deinem Leben ein?
Marlen Schachinger: Einen zentralen. Schreiben ist mir eine Notwendigkeit, es ist meine Art, der Welt zu begegnen. Darüber hinaus gibt es im Beruflichen kaum etwas Erfüllenderes als das letztliche Gelingen eines schwierigen Kapitels - ein zerebraler Orgasmus, würde ich dies nennen.
Schreiben wird aber oftmals auch zu einem sehr schmerzlicher Prozess. Es ist nicht immer angenehm, aus der eigenen Haut in die Haut eines anderen zu schlüpfen, sich selbst abzulegen und zu einer anderen Person zu werden. Dies kann zahlreiche Ängste auslösen, Alpträume. Ich erlebe dann, wie ich manchmal einen Text hinauszögere, andere Arbeitsprojekte einschiebe, um den Abstand zu vergrößern, bis ich mir jenen Plot wieder zumuten kann.
Hierdurch wird wohl auch deutlich, dass das Schreiben von Sach- ebenso wie das Verfassen von Jugendbüchern für mich eine Erholung ist, die ich genieße.
Marlen Schachinger, Oktober 2008
Website: www.marlen-schachinger.com
E-Mail: marlen.schachinger[at]chello.at
Werkverzeichnis:
morgen, vielleicht. Roman. Edition die Donau hinunter, 2000
Störung. Kurzgeschichten. Edition Pangloss, 2004
der unschuld verlust. Krimi, Orlanda, 2005
Wien. Stadt der Frauen. Eine Reiseführerin, Promedia Verlag, 2006 Ich, Carmen. Erzählung, Verlag der Apfel, 2006
Nur du.Allein, Kitab Verlag, 2008
Hertha Firnberg. Eine Biographie, 2009
Essays
FrauenSchreiben? In Sic! Nr. 51. 2004. S. 18.
Danke, sehr freundlich. In Sic! Nr. 54. Oktober 2005. S. 27 – 28.
Kapital Muttermaschine. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Hilde Schmölzers Buch "Die abgeschaffte Mutter". In Sic! Nr. 56.
Dies und Das
Teilnahme am Hallamasch-Festival, Interkulttheater, Wien, 1997
Dani Doo, Kindertheaterstück, 1999
Aufnahme in die Grazer AutorInnenversammlung, 2000