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Helga Pankratz

Helga Pankratz

Helga Pankratz, Autorin und Kulturarbeiterin. Lebt in Wien. Schreibt vor allem Lyrik, Kurzprosa, Kabarett- und Liedertexte sowie Kommentare. Einige Literaturpreise, zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien im ganzen deutschen Sprachraum, in den Niederlanden und Slowenien.
Bühnen-aktiv - unter anderem in den Jahren1995 bis 2001 als Texterin und Conferenciere der Wiener Frauen-Musik-Kabarettgruppe "Labellas".

Seit Beginn der 1980er Jahre aktiv in der Lesben- und Schwulenbewegung. Bis Mitte der 1990er auch in der Lesbenforschung im Fach Psychologie intensiv tätig. Seit dem Zusammentreffen mit dem Poeten und Schwulenaktivisten Brane Mozetic beim Literaturfestival "Satisfiction" der ALGWE(Assoziation of  Lesbian and Gay Writers in Europe) im Herbst 1988 in Rotterdam: Viele Kooperationen mit schwulen und lesbischen AutorInnen aus Slowenien.
2000 erhielt sie den Gay and Lesbian Award der HOSI Linz für das breit gefächerte und langjährige LBST-Engagement. Seit 2003 arbeitet sie als Generalsekretärin der Ö.D.A. (Österr. DialektautorInnen).

Interview mit Helga Pankratz

Was ist lesbische Literatur oder Lesbenliteratur?
Helga Pankratz: "Der Heterokultur die Stirn bieten" - So lautete der Titel von Anke Schäfers Beitrag in "...die Welt neu erfinden". Über das Schreiben und Lesen von Lesbenliteratur.(Frauenbuchladen Hagazussa e.V., Bremen 1989)
In meinen eigenen Worten: Ein Schreiben, das aus der Betrachtung der Welt mit einem unbestechlich "lesbischen Blick" resultiert. Diese Perspektive hat ein spezifisches Analyse-Potential, um fundamentale Irrtümer von heterozentrischen Alltagstheorien und Identitätskonstruktionen bloßzulegen. - Nicht umsonst heißt die Glosse, die ich in der Zeitschrift Lambda Nachrichten seit fast 20 Jahren regelmäßig schreibe  "Aus lesbischer Sicht", woraus im Jahr 2002 dann auch ein Buch wurde ...
Meine Dichtung ist lesbische Dichtung. Schlicht, weil ich ein lesbisches Bewusstsein habe. Ob das im jeweiligen konkreten Text einen eher peripheren oder zentralen Stellenwert hat, ist eine andere Frage. Meiner Ansicht nach gibt es jedenfalls lesbische Dichtung. So sehr, wie es linke oder rechte oder religiöse Kunst gibt.
- Hätte es denn Bücherverbrennungen gegeben, wenn Literatur per se "neutral" wäre? Meine Literatur ist nicht "frei" von meiner Orientierung, nicht  "losgelöst" von meiner gesellschaftlichen Positionierung als weiblicher und homosexueller Mensch in genau jener Region und Epoche, in der ich existiere.

Welches ist zurzeit deine Lieblingsautorin, dein Lieblingsbuch?
Helga Pankratz: Ein all-time favourit von mir ist Christa Reinigs Gedichtzyklus  "Müßiggang ist aller Liebe Anfang". Einzelne dieser Vierzeiler begleiten mich durchs Leben. Wie manche prägnante Gedichtpassagen von mir selbst, oder Zeilen aus Fried- oder Brecht- Gedichten, tauchen sie als innere Kommentare zu bestimmten Situationen in meinen Gedanken auf.
Vorbildwirkung im Sinn eines Mutmachens zur selbstverständlichen Selbstbehauptung als Lesbe und Autorin in einer untrennbaren Einheit, hatte auf mich die Lektüre von Rita Mae Browns  "Rubyfruit Jungle" im Jahr 1978 im englischsprachigen Original. Das würde ich aber nicht im Lauf des Lebens immer wieder und wieder lesen wollen, wie manches andere sehr wohl: zum Beispiel Prosa von Jorge Semprun, Gedichte oder Theaterstücke von Federico Garcia Lorca: Lorcas "Poeta en Nueva York" kann ich im Abstand von mehreren Jahren immer wieder zur Hand nehmen - am liebsten in einer zweisprachigen Ausgabe.
Zwei Bücher, die ich jüngst rezensiert habe, hab` ich von der ersten bis zur letzten Zeile gern gelesen. Das eine war: ein Sachbuch: Christa Markom und Heidi Weinhäupl: "Die Anderen im Schulbuch. Rassismen, Exotismen, Sexismen und Antisemitismus in österreichischen Schulbüchern".  - Ich lese lieber ein gutes Sachbuch als schlechte Belletristik.
Das andere war der Roman "Die verborgene Welt"  von  Shamim Sarif. In der wirklich guten Übersetzung von Andrea Krug.
Ich bin für gute Übersetzungen stets dankbar. Denn nichts finde ich so schrecklich, wie eine lieblos gepfuschte Übersetzung. Manchmal möchte ich schreien vor Schmerz, wenn ÜbersetzerInnen den Tonfall und die Aussagen guter Literatur entstellen durch einen sorglosen sprachlichen Imperialismus, völlig unsensibel gegenüber der Kultur und Geschichte, in der ein Originaltext steht. - Aber auch das ist, wie so vieles auf dem Literaturmarkt, eine Frage der ökonomischen Bedingungen, unter denen Übersetzungen gemacht werden; wo Wertschöpfung Vorrang vor Wertschätzung hat.

Was macht deiner Meinung nach eine gute Autorin aus?
Helga Pankratz: Da gibt es viel. Wenn ich einen Aspekt herausgreifen soll, würde ich sagen: Sich selbst treu zu bleiben: Unter "treu"  verstehe ich  etwas, das auf Englisch "true" heißt: "ehrlich", "wahrhaftig",  "unverlogen", möglichst ohne Tarnung und Verstellung, Sich nicht brechen oder zu sehr verbiegen zu lassen. Man könnte auch sagen: authentisch sein.
Und auch: sich selbst gegenüber kritisch zu bleiben. Nicht zu sehr etwas zu schreiben - sei es inhaltlich oder stilistisch -, bloß weil es (nach-)gefragt ist, sondern immer neugierig, offen und wach zu bleiben, hellhörig für das, was fließen will, was "geschrieben werden will"; für das, wohin die sprachliche und thematische Entwicklung gehen kann oder könnte.
Deshalb mache ich auch einen großen Unterschied zwischen dem Schreiben auf der einen Seite und dem Veröffentlich(-können) des Geschriebenen auf der anderen. Schreiben kann ich, was ich will. Veröffentlichen nur, wofür es einen Verlag gibt, der dafür einen Absatzmarkt sieht oder zumindest eine profitable Nische.

Hast du mit deinen Veröffentlichungen ein literarisches und/oder gesellschaftliches Anliegen?
Helga Pankratz: Eindeutig und.

Welcher deiner Texte gefällt dir selbst am besten?
Helga Pankratz: Sämtliche Kabarett-Texte. Und neben einigen meiner Gedichte, ganz besonders "Maikäfer flieg" aus dem Jahr 1987: Das ist der innere Monolog der lesbischen Wienerin Rosa, Geburtsjahrgang ca.1910, die zu Kriegsende 1945 ihr bisheriges Leben als lesbische junge Frau aus sozialdemokratischem Familienkontext Revue passieren lässt. Es ist ein starker und authentischer Text, sprachlich und vom Gehalt her sehr vielschichtig. Historisch sorgfältig recherchiert: Lesbisch und allgemein politisch eine starke und zugleich subtile Ansage.
1988 führten Doris Hauberger und ich das Stück in Form einer Ton-Diashow mit begleitender stummer Performance (mit mir in der Rolle der Rosa) auf: In Berlin, Hamburg, Rotterdam, Linz und Wien. Die damalige Darbietungstechnik - mit Dias und Tonband - ist vollkommen veraltet. Das Stück ist in dieser Form nicht mehr wiederholbar. Ich hör mir alle paar Jahre den Soundtrack dieses Stückes gerne wieder an.

Welchen Stellenwert nimmt das Schreiben in deinem Leben ein?

Helga Pankratz: Die Vorstellung, aufgrund von ökonomischem Druck, zu starker Ausgebeutetheit und Ausgelaugtheit durch Lebensbedingungen nicht mehr literarisch schreiben zu können, oder aufgrund von Krankheit, Siechtum, körperlich/geistiger Unfähigkeit nicht mehr schreiben zu können, ist für mich gleichbedeutend mit der Vorstellung meines Todes.

Helga Pankratz, Wien 2009
Website: keine eigene, aber folgender guter Link: www.gav.at
E-Mail: : h.pankratz[at]gmx.at

Werkverzeichnis

Ein Moment Leben . Gedichte. merbod Verlag, Wiener Neustadt 1989
long distance . Prosapoem. Wiener Frauenverlag 1995
Amore? . Erzählungen. Milena Verlag, Wien 1998
Aus lesbischer Sicht. Kommentare und Essays. Milena Verlag 2002

Übersetzt
Amore? in druge zgodbe. - Ins Slowenische übertragen von Andrej Leben - SKUC Verlag, Ljubljana 2005
Literarische Texte im Internet: www.lichtzeile.at

Theater-Auswahl
1987/88: "Maikäfer flieg! - Weibliche Begegnungen in Österreich im Winter 1944/45"
Szenische Collage (Dias, Tonband und Bühnenspiel; Dauer: ca. 80 Minuten)
Text: Helga Pankratz und Doris Hauberger
Ton- und Bildtechnik: Doris Hauberger, Bühnenspiel: Helga Pankratz
Aufführungen in Wien, Linz, Hamburg, Berlin und Rotterdam.

Kabarett-Auswahl
1985:-1987 "Safe Sex"
Texterin der gleichnamigen Gesangs-Travestie-Truppe
Auftritte in Wien
-1993-1994  "Doppelaxt und Doppeladler"
Vortragsprogramm mit der Sängerin Benedikta Manzano
Auftritte in Wien, Hamburg und Dresden
-1995-1997 : "Labellas in Concert - Dein ist mein ganzer Schmerz"
Aufführungen in Wien und Niederösterreich
-1998  "die banalisierungsfalle"
Texte und Schauspiel: Helga Pankratz, Gesang: Annette Schneider
Aufführungen in Wien und Niederösterreich
-1999-2000:  "Labellas ’99 - Weinen vor Glück"
Aufführungen in Wien und Niederösterreich
- 2001: "Die Labellas - Mitten ins Schwarze"
Aufführungen in Wien

Video
Der "HOSI-Clan" (Gay and Lesbian Soap Spielfilm; Ö 2000, 80 Min)
Medienpädagogische Gesamtleitung der Produktion mit jugendlichen Lesben und Schwulen. Aufführungen in Wien und Linz.

Essays-Auswahl

- "Christa Reinig - Meisterin der Lakonik", in EVA&CO (Graz), Heft 20, 1991
- "Laßt Euch wachküssen!!" In: StudentInnenkollektiv der Vergleichenden Literaturwissenschaft Innsbruck (Hrsg.): Schriftsteller und ihre Interpreten. Texte österreichischer AutorInnen über die Literaturwissenschaft.

Österreichischer Studienverlag, Innsbruck 1993 (S.62-68)
- "Modern modern", in: Schreibkraft - Das Feuilletonmagazin, Graz, Heft 6/2001
- "MFAQ", in: Schreibkraft Heft 15/2007

Nachworte zu/in
- Karin Rick: Cote D-Azur. Erzählung; Wiener Frauenverlag 1993
- Suzana Tratnik: Unterm Strich: Erzählungen, Milena Verlag Wien 2002
- Suzana Tratnik: Mein Name ist Damian: Roman, Milena Verlag 2005

Portraits-Auswahl
Maria Merce Marcal - "Millor poeta - i amiga"  - Ein Nachruf. auf die katalanische (lesbische) Dichterin. – Feministisches Monatsmagazin an.schläge 11/1998, S. 42
Elfriede Gerstl -  "(K)ein Zufall" - Rezensionszeitschrift Weiber Diwan, Sommer 2002, S. 18
Barbara Hundegger -  "Feministisches Sensorium" -. Lambda Nachrichten 1/2006, S.37
Federico Garcia Lorca -  "Take this Waltz" - Lambda Nachrichten 5/2006, S.36-37

Beiträge in Sachbüchern
-  "Komm Schwester, die Mauer ist auf!
- Deutsch-deutsche Verständigungsschwierigkeiten und der vorgezeichnete Weg der Lesbenbewegung in der DDR von einer Oppositionsrolle in die nächste". (S.55-58) In: Chris Paul (Hrsg.): Lesbenblicke von hier nach drüben. Ätna Verlag, Hohenfels (BRD) 1990
- "Das lesbische Dorf" (S.74-75) In: Elisabeth Hirt, Ali Gronner (Hrsg.): Dieses Wien. Ein Führer durch Klischee und Wirklichkeit. Junius Verlag, Wien 1995
- "Ich hätte so gern einen richtigen Sub" - Eine lesbische Lokaltour in der Vergangenheit. S.32-39:  "Sportlich lesbisch los!"
- Fit und Fun im Lesbenteam. S.118-124  In: Verena Fabris, Gabi Horak, Beate Soltész (Hg.): Wien Lesbisch - Die Stadtverführerin. Milena Verlag, Wien 2002
- "Is echt a Gaudee! - Satirische, ironische und politische Gesänge der Lesben und Schwulen in Österreich."
S.105-129. In: Ursula Hemetek (Hg.): Die andere Hymne. Minderheitenstimmen aus Österreich. Verlag ÖDA, Wien 2006.Sachtexte im Internet: www.kaernoel.at

Wissenschaftliches-Auswahl
- Zwischen `Coming Out` und  `Going Public`. Aufgabenbereiche, Arbeitsweisen und Problemstellungen von Lesbengruppen (S. 33-45) In: Störfaktor, Zeitschrift der GkPP, Nr. 11, Wien 1989
- Lesbische Beziehungen in einer Entwicklungs- und sozialen Einbettungsperspektive. (S. 111-125) In: Senatsverwaltung f. Jugend u. Familie, Referat f. gleichgeschlechtliche Lebensweisen (Hg.): Lesben. Schwule, Partnerschaften. Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation Nr. 9., Berlin 1994
- Sekundärgewalt: Hilfe, wie ein Schlag ins Gesicht In: Gudrun Hauer, Dieter Schmutzer (Hg.): Lambda Lesebuch. Journalismus andersrum. Edition Regenbogen, Wien 1996:
- Was heißt denn hier  `Coming Out` - Versuch über die Be- und Abnutzungserscheinungen eines einstmals politischen Begriffs. (S. 18- 37) In: Steffens, M./Reipen, M. (Hg.): Versteckt und mittendrin. Zur (Selbst-) Darstellung und Wahrnehmung von Lesben und Schwulen in der Öffentlichkeit. Edition gay studies im Profil Verlag München-Wien 1997
- Diskriminierung und Homophobie - Es gibt Alternativen! (Podiumsbeitrag beim Austrian Social Forum 2003) (S. 17-19) In: AEP Informationen - Feministische Zeitschrift für Politik und Gesellschaft Nr.1/2004
- Gemeinsam mit Doris Hauberger: Die Saat der Diversität. Verschiedene Ansätze, lesbisch-schwule und transgender Thematiken an Österreichs Schulen zur Sprache zu bringen. (S. 92-104) In: van Dijk, Lutz / van Driel, Barry (Hg.): Sexuelle Vielfalt lernen. Schulen ohne Homphobie. Querverlag 2008

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