Mette führt Buch, Irma gibt Bücher weiter. Meine neuste Kolumne finden Sie in der Rubrik «lesen» – und mehr.
Lass mich Deine Pizza sein
Ulrike Helmer Verlag veröffentlichte Lass mich deine Pizza sein im Herbst 2003. Die Rezensionen finden Sie in der Rubrik «Presse» - und mehr.
Inhalt
«Zwei Lesben suchen WG-Partnerin, die keine Ahnung hat, wie sie einen Möbelwagen mietet»
Die Neue in der Zürcher Lesben-WG hat raspelkurze Haare, fährt Motorrad und duldet wortwörtlich «keine männlichen Ausdünstungen» in der Wohnung. Für Renate und ihre Busenfreundin Leila ist sofort alles klar: Bei ihnen will eine Radikallesbe und Hardcore-Feministin einziehen! Und das, wo Leila überzeugte Spitzenslipträgerin ist und Renate sogar vor der gelegentlichen Anwendung eines Wonderbra nicht zurückschreckt. WG-Kandidatin Jo darf trotzdem bleiben - weil ihr Hinterteil Leilas unerbittlichen Blicktest besteht. Denn die quirlige Briefträgerin liest den wahren Charakter einer Frau zuverlässig von deren vier Buchstaben ab.
Dass sich Jo schließlich als Hetera herausstellt und sich auch noch in einen heißblütigen Latino verliebt, tut dem lustigen WG-Leben letztlich ja auch wirklich keinen Abbruch ... lm Gegenteil. Jo, die Dritte im Bunde, wird zu einer guten Freundin von Renate, der Hauptfigur dieses sympathischen, lustvoll mit Klischees spielenden Romans. Renate genießt die gemeinsamen Ausflüge mit Jo in Subs und Tanzbars als Ausgleich zu ihrem Schwesternjob in der Altenbetreuung. Speziell die Familie Müller macht ihr dabei einige Sorgen. Denn irgendetwas scheint bei der launischen, bald bettlägerigen Frau und ihrem herrischen Ehegespons nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Dafür ist der Pillenverbrauch im Hause Müller schlicht zu hoch.
Als sich Renate dann auch noch in Christina verliebt und sich mit Händen und Füßen gegen ihre Gefühle für die lakonische Wienerin wehrt, ist das Chaos nahezu perfekt. Doch zum Glück ist Verlass auf Leila, Jo, den Zufall und die stärkende Wirkung von Pizza.
Leseprobe
«Wer heißt hier Joe?»
«Nein, nicht Joe, sondern Jo von Josefine.» Sie schnalzt mit ihrem Kaugummi.
«Hallo, ich bin die Leila. Bist du einverstanden, dass wir dir erst mal die Wohnung und dein Zimmer zeigen?»
Leise grinse ich in mich hinein. Leila will doch nur Jos Hintern begutachten. In all den Jahren, in denen ich Leila kenne, bin ich noch nicht dahinter gekommen, welche Kriterien sie zu ihrer Beurteilung heranzieht. Manchmal ist eine Person mit wohlgeformtem rundem Hintern arrogant und manchmal empfindsam. Ein viereckiger Flacharsch grenzenlos und dann wieder kreativ. lhre widersprüchlichen Aussagen stehen nebeneinander und sind für sie völlig logisch.
Jo findet ihr neues Zimmer niedlich. Der leere, hell tapezierte Raum ist das größte der drei Schlafzimmer und befindet sich zwischen Küche und Fernsehraum. Leilas und meins liegen etwas abseits von Trubel und Heiterkeit. Leila geht immer früh schlafen bzw. sollte es wenigstens, weil sie in der Dämmerung schon die Briefe sortieren muss. Und ich schiebe ab und zu Nachtwache und versuche am Tag, wenn die Sonne so schön hell durch die Jalousien scheint, zu schlafen, um in der nächsten Nacht fit für meine Patienten zu sein.
Fürs Erste ist bald alles besprochen. Leila und ich tauschen Blicke, mit denen wir uns verständigen, dass sie willkommen ist. Jo strahlt. «Kann ich heute Abend einziehen?» Wir nicken. «Und Männerbesuche sind doch verboten. Oder?», räuspert sie sich. «lch kann Bartstoppeln im Waschbecken nicht ausstehen.» lch sitze wie betäubt da und bekomme den Mund nicht auf. Leila erholt sich schneller. «Aber meine langen braunen, die sich immer im Siphon verfangen, stören dich doch hoffentlich nicht?»
«Die sind mir egal.» Eine leichte Rötung überzieht Jos bleiche Wangen. Leila und ich verständigen uns wieder mit Blicken: Motorrad, Kurzhaarschnitt und dann wahrscheinlich noch Männerhasserin. lhre Achsel- und Beinbehaarung steht sicher in voller, buschiger Blüte ... Eine Gänsehaut bedeckt meinen Körper. Werde mal wieder hart an meiner Frauensolidarität arbeiten müssen. Wo habe ich nur die Telefonnummer meiner Therapeutin?
«Mein Bruder kommt regelmäßig zum Essen», bemerkt Leila entrüstet.
«Meine Exfreundin mit ihrem Mann und Sohn übernachten auch manchmal hier», doppele ich nach. Jo rutscht unsicher auf dem Küchenstuhl hin und her, nimmt die Teetasse, trinkt einen Schluck und hebt beschwichtigend die Hände. «Macht nichts. Solange nicht täglich männliche Ausdünstungen durch die Wohnung ziehen, kann ich damit leben.» Das klingt ironisch, aber ich lächele nicht einmal.
Mit der Therapeutin habe ich tatsächlich mal telefoniert, aber nicht wegen meinen Schwierigkeiten mit Radikallesben, sondern weil wir uns eine Hetera ins Nest geholt haben. Wir sind auf unsere eigenen Klischees hereingefallen.