Mette führt Buch, Irma gibt Bücher weiter. Meine neuste Kolumne finden Sie in der Rubrik «lesen» – und mehr.
Nicht ohne meine Irma
Seit Tagen mag ich nicht mehr zum Briefkasten rennen, um meine Post herausnehmen. Er quillt schon über. Ich erwarte einen Brief von meiner Freundin. Irma heißt sie. Sie ist meine Busenfreundin. Wenn ich Krach mit meiner Herzdame habe, hört Irma mir zu, streichelt mir die Seele und wäscht mir dabei noch heftig den Kopf. Es geht mir immer besser, wenn ich meinen Kummer erzählt habe.
Irma ist diejenige, die mich am besten kennt, wahrscheinlich sogar besser als ich mich selbst. Sie erinnert sich an alles, was ich in den vergangenen Jahren so gern zu vergessen pflege. Beispielsweise, dass meine Ex die Zahnpastatube nie zugeschraubt hat.
Wenn ich mich bei Irma wieder einmal über die vertrocknete Zahnpasta beschwere, weil auch meine derzeitige Geliebte an diesem Tick leidet, wundert sie sich darüber, dass ich mich immer noch aufrege und nichts dazu gelernt habe. Ja, sie ist der gute Geist in meinem Leben. Und ich bin der ihre, unsere Beziehung besteht aus einem gleichberechtigten Geben und Nehmen. Aber seit ihre Mutter gestorben ist, könnte ich darauf verzichten. Muss ich denn wirklich auch ihre Vertraute sein? Reicht es nicht, wenn sie meine ist? Nein, nein, nicht, es ist nicht, weil sie traurig ist und sich als Waise fühlt. Ich bin gern für sie da. Trotzdem finde ich, sie könnte sich eine andere Busenfreundin suchen.
Irma hat nämlich geerbt. Ihre verstorbene Mutter hat ihr eine Menge Geld vermacht. Ich gönne ihr das Vermögen und wünsche mir, dass sie es zu ihren Lebzeiten durchbringt. Doch genau das will sie nicht tun!
Ich habe sie auf Knien gebeten, dass sie es verpulvert. Erst recht, als sie mir erzählte, wen sie als ihre Erbin eingesetzt hat: Ich bin aus allen Wolken gefallen. Denn ich ging davon aus, dass ihre Lebensgefährtin erbt, mit der ist sie immerhin schon seit einem Jahr zusammen. Diese Herzdame ist zehn Lenze jünger als Irma und wird uns hoffentlich alle überleben. In ferner, nicht absehbarer Zeit. Ich habe nämlich vor, steinalt zu werden. Unter anderem mit Irma!
Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwann ohne sie zu sein, dass sie einfach vor mir stirbt. Es würde mir das Herz brechen.
Allerdings nimmt Irma keine Rücksicht auf meine Verlustängste, sondern holt den Albtraum der Zukunft in die Gegenwart. Ins Hier und Jetzt.
Immer noch tigere ich um den Briefkasten. Einmal links herum, dann wieder rechts herum. Meine Füße glühen schon. Es hat keinen Sinn, noch länger zu warten und Irma für meine Zwangslage in die Schuhe zu schieben.
Ich hole tief Luft und greife nach dem Brief. Mit zittrigen Händen lege ich das Testament, ohne es zu lesen, zu den wichtigen Unterlagen.
Ich weiß, was dort steht: "Hiermit verfüge ich in meinem Todesfall, dass Mette Büter -so heiße ich- mein Vermögen erbt und es in meinem Sinne nutzt."
Ich bete, dass dieser Fall nie eintreten wird. Wie soll ich nur ohne Irma leben und wie soll sie nur ohne mich auskommen.
Sandra Wöhe, Autorin für Frauen- und Lesbenliteratur, lesbische Kolumne September 2003