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Wenn das Schlüsselloch errötet

 Cover: Das lesbische Auge 11 - Konkursbuch Verlag auf www.sandrawoehe.chVielfalt und Abgründe des Liebeslebens: Das Jahrbuch der Erotik «Mein lesbisches Auge 11» (konkursbuch Verlag Claudia Gehrke) erzählt vom ersten Kuss und davon, wie sich die Schönheit im Leben und in der Liebe ausbreitet. Wie war das, als Sandra Wöhe das zweite Mal eine Frau küsste? 

Erinnerst du dich an deinen „ersten lesbischen Kuss“? Kannst du die Geschichte, die dazu führte, und den Kuss selbst erzählen?
Sandra Wöhe: An den zweiten, an den erinnere ich mich genau. Zürich im Januar 1984. Es war schrecklich kalt und lange nach Mitternacht. Ich hatte den letzten Zug nach Bad Ragaz verpasst. Nicht völlig unabsichtlich. Wegen Sonya, die mich schon den ganzen Abend interessiert hatte, sie konnte wundervoll tanzen, und wäre ich nicht so jung, so unerfahren und so verlegen gewesen, ich hätte das Wippen ihrer, nun ja, ihres durchtrainierten Hinterns genossen, so musste ich immer wegsehen, damals hätte ich niemals so unverfroren nach dem geschaut, was mir Freude macht, aber ich kleines Landei in der Weltstadt voller attraktiver Frauen, von denen ich mir kaum zu hoffen wagte, dass sie vielleicht, eventuell, möglicherweise ...

Also, zurück zu Sonya. Sonya hatte Erbarmen. Sie habe ein Gästebett, sagte sie und dass ihre Wohnung ganz in der Nähe vom Hauptbahnhof sei. Höchstens eine Viertelstunde von hier. Ich war so dankbar, dass ich sie spontan umarmte und so stürmisch wie ich nur konnte abknutschte. Etwas zu ungestüm, nehme ich an. Jedenfalls landete ich reichlich unelegant auf ihren Lippen. Wie zart die doch waren! So weich, so unbeschreiblich exquisit. Ich blieb ein wenig dort. Und dann? Dann! Küsste sie mich zurück. Ja, so hätte der erste Kuss sein sollen, denke ich noch heute.

Wir kamen nie bei ihr an. Unser zweiter Kuss war schuld. Er zog sich hin, vom Bellevue über fast jeden Hauseingang der Oberdorfstrasse. Und es war doch so kalt! Am Zwingliplatz und auf dem Rindermarkt wärmten wir uns die Hände unter den Pullovern. Eine Viertelstunde für den Weg? Auf der Rudolf-Brun-Brücke und dem Mühlesteg glitzerte der Frost im ersten Morgenlicht. Vor dem Bahnhof wurde der Kuss zum Abschied. Nur diesen einen Kuss gab es für uns. Wenn ich das damals gewusst hätte ...

Ist dir das Aussehen von Bedeutung?
Sandra Wöhe: Meistens stolpere ich über das Aussehen. Manchmal falle ich auch darauf herein.

Auf was – bezogen auf das Äußere – achtest du bei anderen Frauen?
Sandra Wöhe: Ganz gleich, wie sie aussehen, es gibt Frauen, die würde ich nicht eines Blicks würdigen. Selbst wenn sie die einzige mögliche Liebhaberin im Weltall wären. Ja, es gibt sie. Meine Ex hatte von einer geschwärmt, wie klug die sei, wie attraktiv, wie souverän im Auftreten. Eine Sahneschnitte, von der ich mir ruhig eine Scheibe abschneiden könne. Ich war dieser Wundertorte noch nie begegnet. Ausstehen konnte ich sie trotzdem nicht. Schließlich schrieb sie schlecht. Richtig grottig. Gelesen hatte ich zwar nie etwas von ihr, aber je mehr meine Ex von ihr schwärmte, desto unattraktiver fand ich diese VIP-Tussi im Fernsehformat, diese Literaturkanaille mit Z-Prominenz-Status, diese Podiumsexpertin für Alltagstrivialitäten.

Nun saßen wir hier, bei diesem Literatur-Festival, und während sie mit einer anderen sprach, warf sie mir einen Blick zu. Lang genug, dass meine Hände feucht wurden. Ihr Buch, das ich hatte signieren lassen wollen, wäre mir beinahe aus der Hand gerutscht. Dann fiel es doch: Ihr zweiter Blick traf mich. Nun war ich dran. Ich strahlte. Sie lächelte. Überall hätte ich ein Lager mit ihr aufgeschlagen. Jetzt. Hier. Sofort. Wortlos schob ihr meine zitternde Hand den Roman zu. Sie signierte. Lächelte wieder. Ich konnte nur noch fortgehen. Nun schwärme ich genauso wie meine Ex. Ja, meine Ex. Der wurde das nämlich zu viel.

Hat das Aussehen Einfluss auf deine Partnerinnensuche? 
Sandra Wöhe: Attraktivität plus Ausstrahlung ist der Passepartout zu meinem Schoß und meiner Seele.

Entsprichst du selbst deinen „Schönheitsidealen“?
Sandra Wöhe: Wenn meine äußere Schönheit gerade im Trend liegt, finde ich mich gern unwiderstehlich. Bin ich just aus der Mode, würde ich mich am liebsten in die Altkleidersammlung geben. Da das leider nicht geht, warte ich, bis ich wieder up to date bin.

Was sind deine „Schönheitsideale“?
Sandra Wöhe: Auf dem Schatzkästlein meiner Schönheitsideale steht: Lebe deine Talente. Erkenne deine Tabus. Und: Stelle alles unter die Tugenden.


Magst du deinen Körper? Was an ihm, was nicht, warum ...?

Sandra Wöhe: Mein Körper ist meine beste Freundin. Mit niemandem habe ich so viel durchgestanden. Ohne ihn wäre ich ein einsamer Mensch.

Hat sich deine Bewertung des Äußeren im Laufe der Jahre geändert oder ist sie unverändert geblieben?
Sandra Wöhe: Früher hatte ich keinen. Aber jetzt hängt ein Vergrößerungsspiegel in meinem Bad. Ein Mitesser, den ich sehen kann, ist auch groß genug zum Ausdrücken. Ich liebe das Risiko eben immer noch. Gegenüber dem Rest, ob mit oder ohne Fältchen, Orangenhaut, Altersflecken und so weiter, bin ich milder geworden.

Was empfindest du persönlich als „schön“ bei einer Frau?
Sandra Wöhe: Wenn sie das Beste aus sich macht auch für sich selbst, sich pflegt, auf sich achtet, sich ganz einfach lieb hat, ist eine Frau schön. Ob sie dabei meinen Geschmack trifft, ist keine Frage von Schönheit.

Hast du einen bestimmten „Typ“ Frau, auf den du „stehst“?
Sandra Wöhe: Charme mit einer gewissen Galanterie, gute Manieren und Respekt – da hat sie schon fast meine Aufmerksamkeit.

Was sagen Sie dazu?, fragt Sandra Wöhe, fragt Sandra WöheAutorin für Frauen - und Lesbenliteratur, Winter/Frühling 2012

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