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Europride Zürich 2009

«Toleranz ist keine Bedrohung»

Wir sind europroud - Interview mit Sandra Wöhe
 
Die lesbische Schriftstellerin Sandra Wöhe wurde in den Niederlanden geboren, wuchs in Deutschland auf und lebt mittlerweile in Zürich. Hier schreibt sie ihre Romane, Kolumnen, Glossen und Kurzgeschichten, die in der Schweiz, Österreich und Deutschland erscheinen. Ihr jüngster Roman "Die indonesischen Schwestern" handelt von einer indonesischen Familie, die nach ihren deutschen Wurzeln sucht. Er erscheint im Frühling 2010 im konkursbuch Verlag Claudia Gehrke.

Wir wollten von Sandra Wöhe wissen

Der Stonewall-Aufstand am 28. Juni 1969 - Wo warst du? Was hast du gemacht?
Sandra Wöhe: Damals? Da hatte mir die Mama gerade das allerschönste Püppchen der Welt mitgebracht, aus dem Krankenhaus. So etwas Süßes! Ihr konnte ich das Fläschchen geben, mit ihr spazieren gehen und sogar die Windeln konnte ich ihr wechseln. Wenn ich denn durfte. Meine Mutter fand nämlich, dass ich meine kleine Schwester viel zu sehr verwöhnte. Aber wie sollte das denn gehen? Die war doch soooo süss! Außer wenn sie schrie.

Deine erste CSD-Parade! Wie war sie? Was war dein schönstes Erlebnis?
Sandra Wöhe: Heiß war es damals, bei der CSD-Parade 1994. Ich erinnere mich noch ganz genau: Meine Freundin tanzte ganz hoch oben auf einem der Wagen. In einem Latexkleid. Schwarz. Hauteng. Wow! An den Rest der Parade erinnere ich mich nicht mehr ganz so gut. Den sah ich abends im Fernsehen. Nun ja, teilweise. Auch die Kameras hatten meine Freundin toll gefunden.

An welchem CSD würdest du gerne teilnehmen? Warum?
Sandra Wöhe: An allen. Das wäre ein Traum: Von einem CSD zum nächsten zu flitzen, von Aarau bis Zürich, von Aachen bis Zwickau, von Amsterdam bis Zwolle. Und weiter.
Wenn es doch nur möglich wäre, nicht nur bei uns in Westeuropa und in den USA selbstbewusst die Normalität zu leben und einmal im Jahr zu feiern, sondern auch von Afghanistan bis Zimbabwe! Aber das ist wohl nicht nur in Russland erst dann möglich, wenn die Menschen begreifen, dass Toleranz keine Bedrohung ist.

Braucht es bei CSD-Paraden einen Lesbenblock wie in Frankfurt?
Sandra Wöhe: Solidarisch können wir überall sein. Aber ich war letztes Jahr mit dabei, in dem allerersten Lesbenblock auf dem Frankfurter CSD. Und es war ein sehr schönes Erlebnis. Obwohl es geregnet hat, gegossen trifft es wohl besser. Trotzdem sind wir weitergegangen. Gemeinsam. Als Gruppe.
Also, ich glaube, es braucht keinen Extra-Block. Für niemanden. Und doch ist es schön, innerhalb einer solchen Massenveranstaltung wie einem Großstadt-CSD solch eine Gemeinsamkeit unter Frauen zu erleben.

Wofür setzt du dich ein unter der Regenbogenfahne?
Sandra Wöhe: Die Vernetzung zwischen den deutschsprachigen Ländern, dafür arbeite ich. Bei allen Unterschieden glaube ich, nein, weiß ich, dass wir gemeinsam eine starke Gruppe in Europa sind. Interessant nicht nur als Werbe-Ikonen und Galionsfiguren, sondern mit tatsächlichem Einfluss in der Gesellschaft. Ich zahle mit Franken, aber auch ich bin europroud.

Wofür sollte sich die Pride-Bewegung in den nächsten 40 Jahren einsetzen?
Sandra Wöhe: Erst wenn die Pride-Bewegung überflüssig geworden ist, hat sie ihr Ziel erreicht.
Ich habe einen Traum: In 40 Jahren werden mich meine Großnichten oder auch die Großneffen fragen, wie es früher einmal gewesen ist. Dann greife ich zum Geschichtsbuch und schlage das Kapitel auf: «Als andersrum noch verkehrt war». Sie werden große Augen machen und mir nicht glauben wollen. «So was geht doch gar nicht», werden sie sagen, «andere sind eben anders. Aber das sind wir auch.» Ich werde schmunzeln und mich erinnern an meinen Weg unter dem Regenbogen.
 
Europride-Magazin, Februar 2009
 

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