Mette führt Buch, Irma gibt Bücher weiter. Meine neuste Kolumne finden Sie in der Rubrik «lesen» – und mehr.
Sandra's blog
Sandra Wöhe, Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 14: Hungrige Maus
Jola lächelte. Dann verbannte sie eine der Lieblingsgeschichten ihrer Familie aus den Gedanken und schaute nach Kiwi. Die nagte wieder an der Tischkante.»Hast du Hunger, kleine Maus?«
Du hast hier viel zu wenig Verwandte, die sich um gefüllte Reissäcke kümmern können, meine Kleine, dachte sie. Wir alle tun unser Bestes. Aber ob das reichen kann?
Kiwi plumpste wieder auf den Boden und lachte. Jola seufzte. Seit sie als älteste Schwester die Aufgabe als älterer Bruder zusätzlich übernommen hatte, trug sie eine noch größere Verantwortung für das Wohl ihrer Nichte. Aber immerhin war sie schon neunzehn, sogar ein paar Monate älter.
Sandra Wöhe, Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 13: Dich will ich
Was wusste Pater Paul schon, wie die richtige Wahl aussah? Es gab Millionen Möglichkeiten. Milliarden.
Immerhin hatte Großvater seiner Tochter eine Vorauswahl geboten. Und der, den sie haben wollte, war dabei gewesen.
Ihre Mutter hatte nichts anderes erwartet. Es war der Nachbarsjunge. Der, der bei ihrer Babyschau in die Wiege sah und verkündet hatte: »Kembang Mellatie, dich heirate ich.«
Der Großvater war sehr rot im Gesicht geworden, ging die Familienanekdote weiter, und er hatte losgepoltert: »Du getrockneter Maisstängel, du …« Bevor sein europäisches Temperament so richtig durchbrechen konnte, hatte ihn seine Frau zurückgehalten.
Sein Zorn verstieß gegen die kosmische Ordnung.
Sandra Wöhe, Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 12: Das Herz kann nicht denken
Wenn ihm beim Nachzählen die Augen zufielen, konnte ihr das egal sein. Jola wollte diesen Gedanken nicht weiterverfolgen und dadurch das Schicksal herausfordern. Zu leicht konnte sich eine Zukunftsskizze zu einem Albtraum entwickeln. Sie gab ihm den Laufpass.
Woran erkenne ich nur einen Gefährten? Meinen Gefährten?
»Das Herz weiß es«, hatte Pater Paul erklärt.
Blödsinn, hatte sie gedacht und geantwortet: »Das Herz sprechen zu lassen ist unangebracht. Es kann nicht denken und Fakten sind ihm fremd.«
»Keine Sorge, mit den Jahren wirst du darin Übung bekommen«, hatte er lächelnd gesagt und sich zurückgelehnt.
Ausgerechnet er, der sich der Haushaltsgründung verweigerte!
Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 11: Ihr As im Ärmel
Hier schienen schwarze lange Haare, feurige Mandelaugen, bronzefarbene Haut, ein kleiner Busen und die Größe von 165 Zentimetern zu genügen. Und dann noch ihre Sommersprossen. Ihr As im Ärmel. Ihre tausend Asse, denen mit Buttermilch nicht beizukommen war.
Lange vor der tausendsten Sommersprosse war ihr Liebhaber eingeschlafen. Vielleicht hatte ihre Mutter recht? Die sagte: Wer keine Erwartungen an einen Menschen stellt, wird herrlich überrascht und reich beschenkt. Aber einen Mann zum Gefährten zu nehmen, der beim Zählen einschlief, schien ihr die falsche Wahl. Selbst wenn bei Eheleuten die Frau das Geld verwaltete und der Mann von ihr sein Taschengeld erhielt.
Sandra Wöhe, Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 10. Mit Buttermilch gepflegte Sonnenküsse
Obwohl sie ihr Gesicht mit Buttermilch pflegte, war es voller Sonnenküsse. Ein Hexenjäger hätte mit der Nadelprobe viel zu tun gehabt und wäre nicht so gescheitert wie ihr letzter Freund. Der hatte sich eines Abends vorgenommen, sie zu zählen. Erst strich er ihr das Haar aus der Stirn, dann sagte er: »Du bist schön.«
Jola wusste, wie sie auf Männer wirkte. Sie bekam genügend Komplimente. Allerdings begriff sie nicht, was an ihr schön sein sollte. War sie nicht so ganz anders als die anderen Frauen hier? Außerdem wies ihr Charakter einige Mängel auf und war noch viel zu schwach ausgebildet.
Sandra Wöhe, Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 9: Hochziehen, stehen bleiben und fallen
Kiwi sah sie an und lachte breit über ihre Pausbacken. Dann zog sie sich weiter am niedrigen Tisch hoch und biss in die Tischkante. Jola schüttelte eine Rassel. »Komm, KiKi. Komm her zu mir«, lockte sie. »Komm, kleine Maus!«
Kiwi blieb kurz am Tisch stehen und plumpste schließlich auf ihr Windelpaket. Sie zog sich wieder hoch.
»Du hast nur Angst davor, dass ich viel mehr Sterne im Gesicht habe als du«, sagte Jola. Aber Kiwi war beschäftigt. Hochziehen, stehen bleiben, fallen. Es schien nichts Wichtigeres für sie zu geben als das Spiel Steh-auf-Mädchen.
Jola im Sommersprossenwettstreit zu übertreffen, war schwierig.
Sandra Wöhe, Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 8: Sommersprossenwette
In Gedanken breitete Jola ihr Haar schützend über Kiwi aus. Ihre Nichte krabbelte auf dem Boden, vorbei an den Möbeln, die zu jung waren, um als Antiquitäten zu gelten, und zu alt, ihnen den Zusammenbruch nicht zuzutrauen. Das Kleinkind plapperte pausenlos vor sich hin. Jola suchte das Wohnzimmer wieder einmal nach möglichen Gefahren ab. Es war schon einfacher mit unserer kleinen Maus, als sie noch in der Wiege lag, dachte sie. Seit letztem Sommer hat sie schon so manches Pflaster gebraucht.
»Kiwi, komm mal her zu Tante JoJo und lass uns mal zählen, wer die meisten Sommersprossen im Gesicht hat.«
Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 7: Blumenkleider der Größe 48 sind wunderbar
Phyllis zog ihre Jacke aus und drehte sich vor dem Garderobenspiegel. Ihr Kleid spannte.
»Wir feiern, meine Töchter«, sagte sie. »Drei Tage lang. Ich gehe mich umziehen.« Phyllis genoss ihren Kleiderschrank, in dem Blumenkleider der Größe 48 leuchteten.
Im nächsten Jahr schrumpfte die Blütenpracht. Nach und nach musste sie sich Kleider in zunehmend kleineren Größen kaufen. Die Sorgen nagten an ihr.
Gritta ging zu ihren Koranstunden, Yasmin schwärmte von den Andachten im Kloster. Was sollte da die Reisgöttin ausrichten? Das Opfer lag täglich am Tellerrand, doch immer wenn sie glaubte dem Geldsumpf entkommen zu sein, verzockten die Geister den Spargroschen.
Sandra Wöhe, Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 6: Wut? Was ist denn das?
Yasmin rief umgehend die Hebamme an. Die musste doch die nächste Amme kennen.
»Franziska, ich meine, Frau Franziska Schmidhausen bringt heute Abend eine Saugpumpe mit«, sagte sie und legte den Hörer auf. »Sie sagt, sie kennt keine Amme. Komisch. Und dann hat sie noch behauptet, wer nicht von der Mutter gestillt worden ist, wird kümmerlich und leidet an unterdrückter Wut. So isset, hat sie gesagt. So isset janz jenau.« Yasmin lachte.
Phyllis zuckte die Achseln. »Mich hat meine Baboe gestillt. Seht mich an. Ich werde nie wütend.«
Jola und Yasmin prusteten los.
»Ihr wieder. Aber wenigstens bin ich prächtig gediehen.«
Die indonesischen Schwestern, Feriendrabble 5: Krümelmonster
Jola lächelte Yasmin zu. Gritta holte tief Luft und eilte davon. Auf dem Weg in ihr Zimmer nahm sie aus der großen Dose eine Handvoll Schokoladenkekse mit. Ihr Abendessen. Sie hörte ihre Schwestern lachen.
Wer aß schon Kekse, wenn es Reis gab! Kein Wunder, dass sie so dünn ist, dachte Phyllis.
»Mam, ab nächster Woche gehe ich wieder in die Schule«, sagte Yasmin.
Phyllis fand die Entscheidung richtig. Sogar mehr als richtig. Auch wenn sie ein ungutes Gefühl im Magen hatte. Trotzdem widersprach sie nicht. Wenn etwas richtig war, sollte man sich nicht dagegen stemmen. Vielleicht war sie nur hungrig.