Was hilft gegen Heterosexualität? Süßigkeiten? Die neue Kolumne finden Sie in der Rubrik «lesen» – und mehr.
«Schnipp, schnipp, schnapp!»
August 1959. Ich schrie. Als Allererstes schnitt mir meine Oma die Haare. Da war ich gerade auf die Welt gekommen. Vielleicht glaubte sie der alten indonesischen Legende. Ein Baby, dem die Haare zu Berge stehen, das kann nur Unglück bringen, heißt es.
Die ersten sechs Jahre lebte ich mit Onkel, Tanten, Mutter und Oma in Oudewater, das im tiefsten Holland liegt. Seit Jahrhunderten krönt dort ein Storchennest das Rathausdach. In diesem Dorf konnte es unserer Familie einfach nur gut gehen, hatte Oma beschlossen.
Meine Kindheit war glücklich. Nur manchmal bedrückte es mich, dass ich meine Verwandten nicht verstand. Immer redeten sie Indonesisch, wenn etwas nicht für Kinderohren bestimmt war. Ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen.
Dann heiratete meine Mutter einen Deutschen und wir zogen um. In Düsseldorf sprach niemand Niederländisch. Zum Glück begann nun endlich die Schule. Und ich lernte schnell. Sogar die vertrackte deutsche Sprache.
Als ich in der dritten Klasse war, bekam ich ein Schwesterchen. Ich durfte sie nur durch die Fensterscheibe anschauen, Kinder hatten auf der Säuglingsstation oder überhaupt im Krankenhaus nichts verloren. Ich war empört! Zum Trost durfte ich den Namen aussuchen. Ihwonne, entschied ich. Und ich bin die Einzige, die das heute noch so aussprechen darf.
Aus meiner kleinen Schwester wurde ein freches Mädchen. Was habe ich mich mit den größeren Geschwistern ihrer Freundfeinde geprügelt, wenn es wieder einer gewagt hatte, meine Yvonne an den Zöpfen zu ziehen. Wie, meine Schwester hatte angefangen? Unmöglich!
Wieder und wieder kam ich mit blauem Auge heim. Oft habe ich mir Verstärkung gewünscht. Wir bekamen sie. Aber bevor uns unsere Brüder beschützen konnten, war Yvonne schon selbst Mutter. Und ich lebte bereits viele Jahre in Zürich.
Mit Anfang zwanzig war ich frisch ausgebildete Krankenschwester und wollte heiraten. «Bist du dir sicher?», fragte meine Oma. «Homosexualität liegt in unseren Genen.» Ich verstand sie erst im Nachhinein. Hätte ich doch auf sie gehört!
Obwohl ich meinen Mann geliebt habe und das Leben in Pfäfers mit ihm mir sehr gefiel, waren wir bald geschiedene Leute. Und dann eroberte ich die Frauenwelt. Alle meine Freundinnen liebten meine Geschichten. Täglich erfand ich neue Reiseberichte aus dem Schlaraffenland. «Ich brauche kein Autoradio. Ich habe ja dich», sagte eine und verkaufte den Wagen.
Eines Tages bat mich eine, die Geschichten doch aufzuschreiben. Da hatte ich schon viele vergessen. Ich begann ein Publizistikstudium. Mit dem zweiten Manuskript wandte ich mich an den Ulrike Helmer Verlag. «Lass mich deine Pizza sein» erschien im Jahr 2003.
Viele Kurzgeschichten und drei Jahre später veröffentlichte Claudia Gehrke in ihrem konkursbuch Verlag meine «Giraffe im Nadelöhr». Monatelang stand das Buch auf der Amazon-Bestsellerliste. Und dann bekam der Roman ein silbernes Schwesterchen, das Ohriginal-Hörbuch.
Seit einem Vierteljahrhundert lebe ich nun in der Schweiz. Mein neues Buch «Die indonesischen Schwestern» fragt nach Integration und Alltag, es erzählt vom Fremdsein in der Heimat und davon, ein Zuhause wo auch immer möglich werden zu lassen.
Ich habe Glück. Beim Schreiben, Leben, Lieben. Danke, Oma, dass du mir damals die Haare geschnitten hast.


