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Evas Buch- und Filmecke

Lass mich deine Pizza sein

Etwas anders kommt dieser Roman aus der Schweiz daher als die meisten deutschen Bücher mit lesbischen Protagonistinnen. Und ich kann nur sagen: es lohnt sich. Wir haben nicht Berlin als meist gewählten Ort, sondern Zürich, und auch der Schreibstil ist etwas anders. Der Frauenroman "Lass mich deine Pizza" sein ist eine schwungvolle und witzige Mischung aus lesbischem WG-Leben und einem Hauch Krimi, der sich mit dem Leben der Hauptfigur vermischt und in ihr einen Rückblick auf das eigene Leben auslöst. Die lesbische Renate lebt seit Jahren in einer verrückten WG in Zürich. Einzige Dauermitbewohnerin ist die esoterische Polizistin Leila, mit der Renate eine innige Freundschaft pflegt. Leila vertritt die typische überemazipierte Lesbe, die stets ein paar feministische Sprüche parat hat und sich in endlosen Diskussionen verlieren kann, in denen sie die Welt anprangert. Gleich zu Beginn der Geschichte bekommt die WG eine neue Mitbewohnerin: die rasante Jo, die gerne mit Leilas Sprüchen konkurriert und Renate und Leila mehr als einmal in die Irre führt und damit Vorurteile aus den lesbischen Reihen ins Absurde führt. Jo selbst stolpert aber auch einige Male über Vorurteile, die eher aus der Heterowelt kommen und fragt sich eines Abends verwundert, warum Leila und Renate nicht einfach über sie herfallen, wo sie sich doch so viel Mühe damit gegeben hat wie lesbisches Frischfleisch zu wirken. Aber ist sie nun lesbisch, bi oder hetero? Motorrad, Klamotten, die sie nur so oft wie das öl ihrer Maschine wechselt, ratzekurze Haare, Männer, Mädels... ob Jo nun lesbisch ist oder nicht darf jede Leserin selbst erraten

Die lesbische Autorin Sandra Wöhe provoziert mit Hilfe dieser neuen Frau die eingefahrenen Lesbenheiten und stellt sie in Frage. Doch eines gelingt ihr nicht: die feministischen WG-Dialoge stimmig zu gestalten. Es gibt zu viele davon, die sinnlos im Raum hängen, die Klischees aus allen möglichen feministischen Schubladen ziehen und nur halbgar kochen. Parodierend wirkt das aber leider auch nicht, sondern eher fehl am Platz. Die Dialoge hätten entweder diese Art der Diskussion ins lächerliche ziehen oder aber handfeste Aussagen tragen müssen. So bleiben sie jedoch motivationslos.
Leila und Jo versuchen mit diesem feministischen Gepoltere immer wieder Renates Leben zu erklären. Doch diese kann damit nur wenig anfangen. Die Ereignisse in ihrem Pflegeberuf bringen sie viel weiter in ihrer Selbstreflektion. Von dem, was sie bei ihren Patienten erlebt und was diese ihr aus ihrem Leben erzählen macht sich Renate regelmäßig Notizen. "Ich bin gierig nach fremden Leben, nach Gedanken und Träumen. Ich suche das Leben in der Monotonie des Alltags, bevor es daran zerfließt. Das Wasser tropft an mir herunter. Ich suche nicht nach Heldentaten, sondern nach dem täglichen Einerlei". Und so vermischen sich diese Erlebnisse immer wieder mit den Gedanken um ihr eigenes Leben. Mancherorts zeigen sich Parallelen, woanders fleißt es auseinander.
Eine Patientin, Frau Müller, bewegt sie besonders, da diese nie das Leben gelebt hat, das sie wirklich wollte und sich stattdessen für ihre Familie aufgeopfert hat. Und als sie stirbt bleibt die Frage, ob sie nun wirklich friedlich eingeschlafen ist, oder ob auch hier ihr Mann über ihr Leben bestimmt hat. Seine Tochter, Rosemarie Knecht konfrontiert den Vater plötzlich mit dieser Vermutung. Renate würde sich gerne raushalten, doch mitgehangen ist mitgefangen...
 

Kritik

Ein rundum witziger und spritziger Roman, der sich gut für die Ferienlektüre am Strand eignet. Als Romandebüt sind jedoch kleinere Schächen inklusive wie zum Beispiel in der Charakterisierung von Rosemarie Knecht. Zunächst wird sie als das brave Mädel beschrieben, das folgsam und widerspruchslos die traditionelle Frauenrolle lebt. Und plötzlich wird sie nach dem Tod ihrer Mutter zur aufmüpfigen und selbstbewußten Tochter. Die Charakterisierung erleidert hier einen Bruch. Man hat das Gefühl, daß Rosemarie Knecht schlagartig zu einer ganz anderen Person wird, was wenig glaubwürdig ist. Zum Glück ist das jedoch nur bei dieser Figur so. Die anderen sind durchgängig und konsistent charakterisiert. Wie der Titel nun wirklich mit dem Inhalt zusammenhängt ist auch nicht unbedingt schlüssig, da die Pizza keine tragende Rolle in der Handlung spielt. Doch ein guter Anfang ist "Lass mich deine Pizza" sein allemal. Von Sandra Wöhe dürfen wir durchaus noch gute Romane erwarten.

Evas Buch- und Filmecke, 1.07.2004 

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