Mette führt Buch, Irma gibt Bücher weiter. Meine neuste Kolumne finden Sie in der Rubrik «lesen» – und mehr.
Büchereule. Leserunde
"Lass mich deine Pizza sein" von der lesbischen Autorin Sandra Wöhe
bei den Buechereulen
"Das Buch, das wir hier lesen, lese ich übrigens (Ehrenlesbe hin oder her, MaryRead, really!! ) als feministischen Text. Ich finde hier einen Ausblick auf die Möglichkeiten, die man hat, wenn die klaren Grenzen zwischen den Geschlechtern nicht gelten, also hier Frau, da Mann.
Ich ziehe hiermit die Frage, ob Lesbisch oder Hetera sein etwas mit der Art und Weise, wie man ein Buch liest oder auch schreibt, mal hierher, weil sie über den eigentlichen Inhalt des Buchs hinausgeht.
Da ich davon überzeugt bin, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, bejahe ich die Frage natürlich.
Es sind verschiedene Welten, die sich da offenbaren und ein anderer Blick auf die Welt. Ein GANZ anderer.
@MaryRead
Bei Solitaire und Brahms haben wir die Frage de facto vereinfacht, weil wir uns darüber unterhalten haben, wie es früher war. Das war eine eingeschränkte Herangehensweise. Man konnte immer auf eine 'Vergangenheit' ausweichen. Alles, was Heteras komisch vorkam, war eben 'früher so'. Grob gesagt, haben wir uns vor den Weiterungen gedrückt.
Noch mal allgemein gesprochen: Frauen lesen anders als Männer, weil sie kulturell anders geprägt sind. Das macht jede Diskussion über Bücher, die zwischen den Geschlechtern stattfindet, so faszinierend. Männern fallen an Literatur, in den Texten, andere Dinge auf als Frauen.
Das gilt nicht nur für die Geschlechter.
Weiße lesen anders als Schwarze, Indianer anders als Juden und Indianerinnen anders als Jüdinnen.
Klassenunterschiede kommen natürlich auch zum Tragen, Arbeiter lesen anders als Lehrer.
Und für das Schreiben gilt das auch.
Wichtig ist, daß das nicht einschichtig verläuft, weder das Lesen noch das Schreiben. Ich, Magali, lese ein Buch als Frau, als Weiße, als Akademikerin kleinbürgerlicher Herkunft, als Marxistin, als Feministin. Auch meine eigene Vergangenheit spielt eine Rolle. Es gibt Szenen in dem Pizza-Buch, da bin ich mir nicht sicher, ob ich den Kopf schüttle oder meine Mutter. Oder ich lache, weil etwas in mir die vierzehnjährige alberne Göre auslöst.
Ich frage mich beim Lesen stets, was mir vertraut ist und was fremd.
Schwierig wird es bei der Frage, wie ich meinen Maßstab finde. Ist das Buch gut, weil ich soviele vertraute Versatzstücke finde? Weil ich mich stark identifizieren kann? Mag ich andereseits ein Buch nicht, weil es mir zu fremd ist? Inwieweit ist es möglich, Kriterien zu finden, die ich übertragen kann? Das sind die Grundfragen. Sie sind wirklich schwer zu beantworten. Die Tendenzen gehen auf jeden Fall in Richtung UNTERSCHIED.
Das Buch, das wir hier lesen, lese ich übrigens (Ehrenlesbe hin oder her, MaryRead, really!! ) als feministischen Text. Ich finde hier einen Ausblick auf die Möglichkeiten, die man hat, wenn die klaren Grenzen zwischen den Geschlechtern nicht gelten, also hier Frau, da Mann.
Man braucht doch völlig neue Definitionen der Geschlechterrollen. Das war für mich ein zentrales Thema in dem Buch. Damit kämpft Renate und mit ihr alle Frauen und Männer."
Magali, Büchereulen 06.10.2005, 10.00 Uhr